Die Digitalisierung der Psyche führt zu einem Informationsverlust. Diana Pflichthofer erklärt: „Es geht dann beispielsweise nur noch darum, ob etwas, ein X, da ist oder nicht, und nicht mehr darum, in welcher Ausführung oder aus welchen Gründen es existiert.“ Mit dem digitalisierenden Ansatz allerdings kann man leichter Fragebögen erstellen, die beispielsweise Symptome abfragen: Kopfschmerzen, ja oder nein? Schlechte Stimmung, ja oder nein? Nur um welche Kopfschmerzen es sich handelt, und vor allem wie diese erlebt werden oder wie genau die schlechte Stimmung aussieht und so weiter, das lässt sich damit nicht abbilden. Am Ende aber erhält man Skalen und Zahlen, sie sich wiederum schematisieren lassen. Das ist alles insofern praktisch, als man dann auch vermeintliche Angebote machen kann, wie man solche „Dinge“ mit einem x-Wochen-Programm, einem therapeutischen Manual und der Re-Programmierung aus der Welt schafft. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
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Passende Bücher bei Amazon findenEine Psychotherapie dauert bis zu drei Jahren
Traut man dem AOK-Fehlzeitenreport 2023, dann haben die psychischen Erkrankungen ein historisches Hoch erreicht. In Deutschland haben wir das Privileg, dass Psychotherapien von den Krankenkassen bezahlt werden. Das ist innerhalb der Europäischen Union (EU) keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Diana Pflichthofer blickt zurück: „Im Dezember 1992 trat in Deutschland das Gesundheitsstruktur-Gesetz in Kraft. Mit ihm wurde die sogenannte Bedarfsplanung eingeführt, was nichts anderes heißt, dass die Niederlassungsfreiheit für Ärztinnen aufgehoben wurde.“
Zwar dürfen sich Ärzte weiterhin niederlassen, wo sie wollen, bekommen dann aber keine Kassenzulassen, das heißt, sie sind für die Mehrzahl der Versicherten uninteressant, da die Kosten für die Behandlung nicht ohne Weiteres übernommen werden. Diana Pflichthofer ergänzt: „Die Bedarfsplanung also führt auch zu einer begrenzten Zulassung von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeutinnen. Eine künstliche Ressourcenverknappung, wenn Sie so wollen.“ Ergo sind die Behandlungsplätze schnell vergeben, und da eine Psychotherapie ein bis drei Jahre dauert, werden die Plätze auch nicht so schnell wieder frei.
Auch Laien bieten psychische Dienstleistungen an
Auf diese Weise werden zwei für die Markt interessante Faktoren freigesetzt: Verzweiflung auf der einen Seite, weil man krank ist und Hilfe sucht. Geschäftstüchtigkeit auf der anderen Seite, wie man dieser Verzweiflung eine Adresse bieten kann. Diana Pflichthofer fügt hinzu: „Wenn es viele psychische Erkrankungen gibt, müsste es doch auch viel Bedarf an Therapien geben und dann müsste es doch auch viel zu verdienen geben? Oder nicht? Gibt es!“ Es gibt inzwischen jede Menge von Anbietern von, sagen wir, psychischen Dienstleistungen auf den Plan.
Auch solche mit keiner oder einer nur rudimentären psychotherapeutischen Ausbildung sind deshalb Teil des Marktgeschehens. Diana Pflichthofer stellt fest: „Vielleicht bietet kaum ein anderes Fachgebiet als das der psychischen Erkrankungen oder der vermeintlich psychischen Erkrankungen so viele Möglichkeiten für Laien, in diesem Gebiet viel Geld zu verdienen. Laien sind Personen, die über keine formale fachliche Ausbildung in einem Gebiet verfügen.“ Quelle: „Die Psychoindustrie“ von Diana Pflichthofer
Von Hans Klumbies
