Fast könnte man meinen, es handele sich bei der latenten politischen wie kulturellen Spaltung Deutschlands zwischen Osten und Westen um ein geopolitisches „Schicksal“. Herfried Münkler weiß: „Denn in der Weimarer Republik, einem durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg aus einer starken in eine schwache Mitte verwandelten Deutschland, trat diese Aufspaltung in Ost- und Westorientierung sofort wieder hervor.“ Während die Reichswehrführung unbeschadet ihrer politisch konservativen Einstellung insgeheim mit der Sowjetunion kooperierte, suchten die Außenpolitiker der Republik einen Ausgleich mit den Westmächten, vor allem mit Frankreich. Das Land schwankte zwischen einer Rapallo-Politik, die schließlich zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 führte, und einer vor allem in West- und Süddeutschland präferierten Aussöhnung mit Frankreich mitsamt der Wiedereingliederung Deutschlands in den westlichen, den westeuropäisch-ozeanischen Wirtschaftskreislauf. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.
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Passende Bücher bei Amazon findenNoch heute lässt sich ein deutlicher Ost-West-Unterschied beobachten
Zwischen 1948/49 und 1989/90 fand diese innere Trennung dann im Ost-West-Gegensatz und in der Bildung zweier konträr gegenüberstehenden deutschen Staaten ihren Niederschlag. Herfried Münkler ergänzt: „Und auch drei Jahrzehnte nach der Vereinigung lässt sich in der politischen Einstellung der deutschen Bevölkerung ein deutlicher Ost-West-Unterschied beobachten.“ Eine latente Neigung zur Dezentrierung ist mit der geopolitischen Mittellage offenbar eng verbunden.
Es gab aber auch Zeiten eines geopolitischen Denkens und Handelns, in denen Deutschland sich in der Position einer „starken Mitte“ sah und es den führenden Politikern des Landes darum ging, aus der Mitte heraus zu einer gestaltenden Macht der Weltpolitik aufzusteigen. Ein konzeptioneller Entwurf sah beispielsweise sah eine Expansion in den Nahen Osten mit einer leistungsfähigen Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und Bagdad als Verkehrsachse vor. Dies lief auf eine Positionierung Deutschlands als „Schutzmacht“ der arabischen Welt hinaus.
Rudolf Kjellén prägte den Begriff „Geopolitik“
Weiterhin strebte man eine deutsche Vorherrschaft über Mitteleuropa an, nachdem Deutschland mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs durch die britische Handelsblockade vom westeuropäisch-ozeanischen Wirtschaftskreislauf ausgeschlossen worden war. Und schließlich gab es den Entwurf einer langfristigen strategischen Kooperation mit Russland. Herfried Münkler stellt fest: „Typisch für diese allesamt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammenden Entwürfe ist, dass in ihnen durchweg geoökonomische Erfordernisse, tatsächliche oder imaginierte, zur Grundlage der geopolitischen Ordnungsentwürfe wurden.“
Die Geoökonomie leitete hier die Geostrategie an. Herfried Münkler erklärt: „Für Rudolf Kjellén, der auch den Begriff „Geopolitik“ geprägt hat, ist der Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht etwa durch diplomatisches Ungeschick oder politisch schlecht angelegte Bündniskonstellationen verursacht worden.“ Sondern der Krieg stand für den Beginn eines großen weltpolitischen Konflikts, der vom Deutschen Reich ausgefochten werden musste, wenn es sich im globalen Verteilungskampf um Räume und Rohstoffe behaupten wollte. Quelle: „Welt in Aufruhr“ von Herfried Münkler
Von Hans Klumbies
