Als Ideal der Seelenruhe ist Ataraxie eine Illusion. Die Epikureer versuchten, ihr Leben zu vereinfachen, um die Genüsse, die sie verlieren könnten, auf ein Minimum zu beschränken. Vor den Turbulenzen der Geschichte können sie ihren beschaulichen Garten nicht schützen. John Gray ergänzt: „Stoiker bestehen darauf, dass wir zwar auf die Ereignisse, die uns widerfahren, keinen Einfluss haben, wohl aber darauf, wie wir über sie denken. Das ist jedoch nur in geringem Umfang der Fall.“ Pyrrhon-Schüler versuchen, inneres Gleichgewicht dadurch herzustellen, dass sie sich jedes Werturteils enthalten. Aber der skeptische Zweifel kann die Unruhe, die das Menschsein mit sich bringt, nicht auf Dauer vertreiben. John Gray lehrte Philosophie unter anderem in Oxford und Yale. Zuletzt hatte er den Lehrstuhl für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics inne.
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Aktuelle Angebote zu "Der Zweifel kann die Unruhe nicht auf Dauer vertreiben"
Passende Bücher bei Amazon findenDas Leben wird durch den Zufall geformt
Selbst wenn Ataraxie erreicht werden könnte – es wäre ein freudloses Leben. Zum Glück ist Totenruhe zu Lebzeiten kein Zustand, den Menschen lange aufrechterhalten können. John Gray stellt fest: „Alle diese Philosophien haben einen gemeinsamen Fehler. Sie gehen davon aus, dass das Leben durch menschliche Vernunft in geordneten Bahnen geführt werden könnte: Wir können uns entweder eine Lebensweise zulegen, die vor Verlusten schützt, oder unsere Gefühle so beherrschen, dass jeder Verlust zu ertragen sei.“
In Wahrheit lassen sich weder die Art, zu leben, noch die Gefühle auf diese Weise beherrschen. John Gray erklärt: „Unser Leben wird durch den Zufall geformt und jedes unserer Gefühle durch den Körper. Ein Großteil des menschlichen Lebens – und ein Großteil der Philosophie – besteht aus dem Versuch, uns von dieser Tatsache abzulenken, uns zu zerstreuen.“ Zerstreuung war ein zentrales Thema der Schriften des Mathematikers, Naturwissenschaftlers, Erfinders und religiösen Denkers Blaise Pascal, der im 17. Jahrhundert lebte.
Die Zerstreuung kann ein natürliches Mittel gegen das Leiden sein
Blaise Pascal schrieb: „Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.“ Zudem hat Blaise Pascal häufig gesagt, dass das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Menschen lenken sich Blaise Pascal zufolge ab, indem sie ihre Einbildungskraft bemühen. Die Einbildung ist dieser beherrschende Bestandteil des Menschen, diese Gebieterin über Irrtum und Falschheit.
Blaise Pascal schreibt: „Ich spreche nicht von den Narren, ich spreche von den Weisesten, und gerade bei ihnen hat die Einbildung das gewaltige Recht, die Menschen zu überzeugen. Die Vernunft mag noch so laut rufen, sie kann den Wert der Dinge nicht bestimmen.“ Die Einbildung bestimmt über alles, sie macht die Schönheit, das Recht und das Glück, das in der Welt alles ist. Auch Michel de Montaigne hat über Zerstreuung geschrieben. Während Blaise Pascal sie jedoch als Hindernis für die Erlösung ablehnte, begrüßte Montaigne sie als natürliches Mittel gegen das Leiden. Quelle: „Katzen und der Sinn des Lebens“ von John Gray
Von Hans Klumbies
