Der Zorn hat keine nützliche Funktion

Senecas Auffassung vom menschlichen Wohl empfindet Martha Nussbaum als zu simpel. Außerdem hat er ihrer Meinung nach eine verdrehte Vorstellung vom Nutzen des Zorns: „Es ist unplausibel zu bestreiten, dass dem Zorn überhaupt eine nützliche Funktion als Abschreckung oder Motivation zukommt.“ Zugleich erinnert Seneca mit Recht daran, dass Zorn in dieser Funktion heikel und unverlässlich sein kann und dass eine sorgsam beherrschte Aufführung sogar noch wirksamer, weil beherrschbar wäre. Selbst wenn man das Autofahren betrachtet, einen Bereich, in dem es so viel schlechtes Verhalten ohne Rechtsbestimmungen gibt, kann Zorn zwar manchmal abschreckend wirken, doch er kann auch provozieren oder zu einer gefährlichen Eskalation beitragen. Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Sie ist eine der einflussreichsten Philosophinnen der Gegenwart.

Wütende Menschen geraten schnell in Schwierigkeiten

Dagegen hat ein sorgsam abgestimmter Ausdruck von Empörung unter Umständen eine größere Wirkung. Vor allem aber hat Seneca die richtige Antwort auf den ständigen Einwand, die Selbstachtung verlange von einem Menschen, dass er über ernste Verfehlungen in Zorn gerät. Martha Nussbaum weiß: „Wie er nämlich richtig sagt, verhält es sich genau umgekehrt: Der Mensch, der sich über solche Verfehlungen erhebt, hat einen wahrhaft vornehmen Charakter.“

Um zu erkennen, dass ein Großteil des Verhaltens unzulänglich ist, muss man nicht denken, dass man es sich selbst schuldet, sich auf die Ebene des Aggressors oder Verletzenden herabzubegeben. Aber, so sagt der eigene innere Gesprächspartner, wütende Menschen kommen oft voran. Darauf sollte man erwidern, dass das meistens nicht lange so bleibt. In der Politik geraten die explosiven Leute in der Regel ziemlich schnell in Schwierigkeiten, und heitere gelassene Typen wie etwa Franklin D. Roosevelt, Bill Clinton oder Ronald Reagan schlagen sich weitaus besser.

Über problematische Kollegen sollte man nicht in Zorn geraten

Finden sich irgendwo Menschen an der Spitze, die zu Zornausbrüchen neigen, ist das für gewöhnlich nicht in einer Demokratie der Fall, und selbst dann werden sie ziemlich schnell wieder entfernt: Claudius und Nero hatten kurze Regierungszeiten, während Augustus und Trajan beides ruhige Charaktere, und erst recht der stoische Philosoph Mark Aurel länger an der Regierung waren – und eines natürlichen Todes starben. Selbst im Sport, wo den Athleten beigebracht wird, auf Beleidigungen und Kränkungen zu reagieren, zeigt ein tieferer Blick, dass wütende Typen meist einen schweren Stand haben.

Seneca drängt mit Recht darauf, Menschen zu meiden, die einen reizen und zusetzen, und dies kann ein berechtigter Faktor bei der Wahl des Arbeitsplatzes sein. Wenn man täglich mit Menschen arbeitet, darf man nicht zu dünnhäutig sein, und noch besser ist es, man gewöhnt sich eine großzügigere Auslegung fragwürdiger Bemerkungen an. Es gibt jedoch vieles, was Kollegen tun, das ernsthaft problematisch ist: Sie reden zu viel, sie führen grobe Reden, sie versuchen ein Gemeinschaftsprojekt zu dominieren, sie halten sich nicht an wichtige Verpflichtungen, sie versuchen sich eine Sonderbehandlung zu erschleichen. All das passiert ständig, und Seneca sagt: Wer über dergleichen in Zorn gerät, gerät außer sich. Quelle: „Zorn und Vergebung“ von Martha Nussbaum

Von Hans Klumbies

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