Google, Facebook und andere Plattformen sammeln Daten über ihre Nutzer und legen Profile an, die ihren Werbekunden ermöglichen, ihre Nutzer gezielt anzusprechen, die am ehesten geneigt sind, die Anzeige anzuklicken und schließlich einen Kauf zu tätigen. Gerd Gigerenzer erklärt: „Der Werbekunde bezahlt die Plattform für jeden Klick, Seitenaufruf oder Kaufabschluss eines Nutzers. Dieses Geschäftsmodell kann nur funktionieren, wenn man insgeheim in die Privatsphäre der Menschen eindringt, wobei dies umso besser gelingt, je rücksichtsloser das Eindringen ist.“ Anders als der Industriekapitalismus, der physische Güter herstellt und vertreibt, sammelt und analysiert der Überwachungskapitalismus persönliche Daten. Dabei müssen wir unbedingt verstehen, dass der Überwachungskapitalismus keine unvermeidliche Konsequenz einer smarten Welt ist. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
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Passende Bücher bei Amazon findenEine smarte Welt eröffnet ungesehene Möglichkeiten zur Überwachung
Es ist ein neues Geschäftsmodell, von Menschen erfunden, um Profit zu machen. Gerd Gigerenzer betont: „Eine smarte Welt eröffnet zwar ungesehene Möglichkeiten zur Überwachung, wäre aber ohne diese wesentlich gesünder für die Gesellschaft.“ Die Terroranschläge vom 11. September 2002 ermöglichten und beschleunigten den Aufstieg des Überwachungskapitalismus. Angst vor Terrorismus war auch ein Grund, warum nicht wenige Bürger bereit waren, die Vorrang von Überwachung durch Staat und Wirtschaft vor Privatsphäre und Freiheit zu akzeptieren.
Immer häufiger tauchten Überwachungskameras an Gebäuden und in Straßen auf. Gerd Gigerenzer fügt hinzu: „Wenn man im Westen von staatlicher Überwachung hört, denkt man automatisch an China. Doch in den USA kommen rund 15 Videoüberwachungskameras auf 100 Einwohner, das sind etwas mehr als in China und rund doppelt so viele wie in europäischen Ländern – Großbritannien und Deutschland zum Beispiel –, die aber aufholen.“ Es gibt jedoch wenig Anhaltspunkte dafür, dass Massenüberwachung mehr terroristische Angriffe verhindert hätte als die traditionelle Terrorismusabwehr in der Zeit davor.
Es hätte zu keiner der Überwachungsformen kommen müssen
Die Bekämpfung des Terrorismus ist kein wohldefiniertes Problem, das sich mühelos mit Big Data lösen ließe. Gerd Gigerenzer weiß: „Trotz fehlender Beweise für den Nutzen der Massenüberwachung ergriffen dennoch weltweit Regierungen im Schulterschluss mit privatwirtschaftlichen Unternehmen die Gelegenheit beim Schopf und etablierten, was euphemistisch „Sammelerhebung“ genannt wird.“ Eines wird jedoch deutlich: Es hätte zu keiner der Überwachungsformen kommen müssen.
Nicht nur Ihre Privatsphäre wird vom Überwachungskapitalismus angegriffen, sondern auch Ihre Zeit. Gerd Gigerenzer erläutert: „Ein Tech-Unternehmen kann mehr Geld von Werbekunden verlangen, wenn die Menschen länger aus seiner Seite verweilen. Daher greifen seine Ingenieure tief in die Trickkiste, um die Nutzer, junge wie alte, möglichst lange auf ihren Seiten festzuhalten.“ Mit dem Ergebnis, dass Sie Stunden Ihres Lebens in einem Zustand ständiger Ablenkung und Störung durch Anzeigen und Benachrichtigungen verbringen. Quelle: „Klick“ von Gerd Gigerenzer
Von Hans Klumbies
