Der überversorgende Wohlstand ist eine gefährliche Droge

Joachim Bauer betont: „Eine Lebensweise, welche die Grenzen der ökologischen Vernunft beachtet, bedeutet Gewinn, nicht Verlust. Persönliches Wohlergehen und das Schicksal unseres Planeten sind miteinander verknüpft. Gute Selbstfürsorge und Fürsorge für die Globus sind ein und dasselbe.“ Entfremdung von der Natur ist Selbst-Entfremdung. Wenn wir nicht fühlen, was die Welt fühlt, wenn wir unser Leben nicht ändern und den Klimawandel nicht stoppen, werden wir in naher Zukunft kein lebenswertes Leben mehr führen können. Der überversorgende Wohlstand, in dem wir derzeit noch leben, ist eine überaus gefährliche Droge: Bildlich gesprochen, sieht Joachim Bauer uns mit dem Handy in der Hand, mit unsere Aufmerksamkeit suchtartig an die digitalen Medien gefesselt, an einem reich gedeckten Esstisch verharren, während draußen der Waldbrand dabei ist, das Haus zu umzingeln. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

Eine empathische Grundhaltung wirkt sich positiv auf das Verhalten aus

Damit eine Wirtschaftsweise, die den Globus an den Rand des Abgrunds geführt hat, ihr Treiben möglichst ungestört fortsetzen kann, sollten wir kaufen, essen und am Bildschirm die Realität vergessen, während draußen die Welt untergehrt. „Hedonischer Verzicht“ kann und davon freimachen. Joachim Bauer ergänzt: „Eine Sorglosigkeit, wie wir sie derzeit noch pflegen, hätte unsere evolutionären Vorfahren entsetzt. Was ihm zum Überleben der Menschheit notwendig und daher moralisch geboten erscheint, kann der Mensch auch wollen.“

Über zehntausende von Jahren hinweg war unsere Spezies, wenn es nötig war, immer wieder bereit und in der Lage, sich auf den Weg zu machen und sich auf neue Erfahrungen einzulassen, um ihr Überleben sicherzustellen. Joachim Bauer weiß: „Das evolutionäre Erfolgsgeheimnis unserer Spezies ist die Fähigkeit zum Aufbruch, Optimismus, Intelligenz, sozialer Zusammenhalt und Empathie – gegenüber Artgenossen und Natur.“ Allein der Vorsatz, sich um eine empathische Grundhaltung zu bemühen, kann sich, wie neuere Studien zeigen, positiv auf das eigene Verhalten auswirken.

Die Natur kann als medizinische und soziale Ressource dienen

Es sich in einer Gefahrensituation erst einmal gemütlich zu machen und das Problem auszusitzen wäre unseren Vorfahren jedenfalls nicht in den Sinn gekommen. Wie ist es um uns bestellt? Joachim Bauer erläutert: „Wir sind aufgerufen, uns in unseren inneren Haltung gegenüber der Natur aufzustellen. Die Natur ist für den Menschen nicht nur ein Lebensraum, sie kann ihm als eine gewaltige medizinische und soziale Ressource dienen.“ Menschliche Gesundheit, gutes menschliches Zusammenleben und die Bewahrung der Natur stehen in einem Dreiecksverhältnis der Gegenseitigkeit.

Die Lebensweise jedes Einzelnen ist für die Menschheit als Ganzes von Belang. Daher fallen ökologisch relevante Aspekte der Lebensführung in den Gültigkeitsbereich des kategorischen Imperativs. Joachim Bauer fügt hinzu: „Moralisches Handeln im Sinne von Immanuel Kant bedeutet, mit Rücksicht auf die menschliche Gemeinschaft und im Sinne ihres Wohlergehens zu handeln.“ Zur Umstellung der individuellen Lebensweise hinzukommen muss eine entschiedene Neuausrichtung der Politik. Quelle: „Fühlen, was die Welt fühlt“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies