Gerhard Gleißner schreibt: „Im Fluss des Lebens bietet uns der Stoizismus als Lebensphilosophie einen festen Halt. Er sagt uns dabei konkret, was nicht fließt: Es sind die Dinge, die in unserer Macht liegen, nämlich unsere Werte, und unsere Wünsche.“ Hier bestimmen wir, was „fließen“ soll. Wir können zum Beispiel politisch unser ganzes bisheriges Leben lang konservative Werte vertreten haben und es doch ab morgen ändern. Wir können die Dinge, die in unserer Macht liegen, also auch an dem Zeitfaktor Zukunft erkennen. Unsere Werte und vor allem die Wünsche als Ziele beziehen sich vornehmlich auf das, was erst noch passieren wird – und genau deshalb sind sie frei und unterliegen nicht den Gesetzen der Realität und der Macht des Schicksals. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Streit mit der Wirklichkeit führt zu Frustration
Von den modernen Protagonisten der Stoa tritt Byron Katie bei der Frage, wie weit wir von unserem Schicksal abhängen, am konsequentesten auf. Nicht umsonst führt ihr Standardwerk den Titel „Lieben was ist“. So sieht sie die Realität: „Die Wirklichkeit – die in jedem Augenblick so ist, wie sie ist – ist immer freundlich. Nur unsere Geschichte über die Wirklichkeit trübt unseren Blick … Und macht uns glauben, die Welt sei ungerecht.“ Ihrer Meinung nach ist es sinnlos, sich gegen das Schicksal aufzunehmen.
Byron Katie schreibt: „Das heißt nicht, dass Sie mit allem einverstanden sein müssen … Niemand will, dass seine Kinder krank werden, und niemand will in einen Autounfall verwickelt sein … Aber wenn diese Dinge geschehen, was hilft es dann, wenn wir uns in Gedanken dagegen wenden.“ Byron Katie sieht es pragmatisch: „Ich bin eine Liebhaberin dessen, was ist, nicht weil ich ein spiritueller Mensch bin, sondern weil es wehtut, mit der Wirklichkeit zu streiten … Wenn wir mit ihr streiten, empfinden wir zusätzlich Anspannung und Frustration.“
Die kognitive Verhaltenstherapie beruht auf stoischen Prinzipien
Auch ein Stoiker darf Trauer, Schock und Angst empfinden – aber nur über einen angemessenen Zeitraum –, anschließend sollte die Vernunft die Oberhand über die Gefühle gewinnen. Gerhard Gleißner rät: „Wenn es die Situation erfordert, sollten wir die Hilfe von Therapeuten annehmen. Sie führt uns dann mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Psychotherapie – ich empfehle hier eine mit einem kognitiven Ansatz, also zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie. Sie beruht wiederum auf stoischen Prinzipien.“
Der Stoizismus ist deshalb so wertvoll für uns, weil es uns zwei elementare Dinge an die Hand gibt. Gerhard Gleißner kennt sie: „Wir tun erstens gut daran, unsere subjektiven Vorstellungen über die Realität und das Schicksal zu hinterfragen. Zweitens zeigt er uns, was wirklich in unserer Macht steht und was wir beeinflussen können.“ Diese kognitive Klarheit, zu wissen, was wir erfolgreich und effektiv gestalten können und was nicht, macht uns stark, zufrieden und fördert unsere seelische und körperliche Gesundheit. Quelle: „Gesund leben mit dem Stoizismus“ von Gerhard Gleißner
Von Hans Klumbies
