Der Staat ist ein relativ sicherer Schuldner

Auch für die Entwicklung von Finanzsystemen und der finanziellen Intermediation zwischen privaten Sparern und privaten Schuldnern waren und sind Staatschulden noch immer ganz entscheidend. Marcel Fratzscher stellt fest: „In den meisten Ländern galten und gelten noch immer die Schulden des eigenen Staates als die sicherste aller Anlageformen. Unternehmen und Privatpersonen sind als Schuldner generell sehr viel riskanter, da sie häufig von wenigen Einnahmequellen abhängen und viele Szenarien eintreten können, bei denen sie zahlungsunfähig werden und ihre Schulden nicht mehr bedienen können.“ Im Gegensatz dazu ist der Staat ein relativ sicherer Schuldner, da er immer die Möglichkeit hat, Steuern und Abgaben zu erheben, und eine Existenz eines Landes ohne staatliche Institutionen nicht möglich ist. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Gold gilt noch immer als sicherer Hafen für Sparer

Das bedeutet nicht, dass es in den letzten Jahrhunderten nicht regelmäßig zu Staatsinsolvenzen gekommen wäre, bei denen viele ihr Erspartes oder gar ihre wirtschaftliche Existenz verloren haben. Marcel Fratzscher ergänzt: „Eine Alternative zu den staatlichen Schuldverschreibungen als sicherste und verfügbare Anlage gab und gibt es jedoch nicht. Eine Pleite und Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmens, egal wie sicher es heute auch scheinen mag, ist sehr viel wahrscheinlicher.“

Gold gilt durch sein stabiles Angebot und die Schwierigkeit, seinen Preis zu manipulieren – anders als Kryptowährungen oder andere exotische Anlagen –, noch immer als sicherer Hafen für Sparer, ist aber weder sehr liquide noch eine realistische Anlageklasse für kleine Sparer. Marcel Fratzscher erläutert: „Mit Staatschulden als sicherer Anleihe hat beispielsweise die Europäische Union in den letzten fünfzehn Jahren fieberhaft versucht, Staatspleiten von Mitgliedsländern zu vermeiden – vor allem innerhalb der Währungsunion.“

Die Nachfrage nach Staatschulden hat deutlich zugenommen

Auch private Gläubiger richten ihre Zinsforderungen an den auf Staatschulden geltenden Zins aus. Marcel Fratzscher erklärt: „Verleihen sie ihr Geld an Privatleute oder Unternehmen statt an den Staat, gehen sie damit immer ein vergleichsweise höheres Risiko ein. Sie werden also einen höheren Zins als Risikoaufschlag verlangen.“ Steigen die Zinsen für Staatsschulden, steigen also auch Zinsen zwischen privaten Gläubigern und Schuldnern. Das geht mittlerweile so weit, dass fast alle Finanzprodukte direkt oder indirekt relativ zu dem sogenannten sicheren Zins auf Staatsanleihen bepreist werden.

Mehr noch, mit dem Wunsch vieler nach einer möglichst risikofreien Anlage hat auch die Nachfrage nach Staatsschulden in vielen westlichen Ländern deutlich zugenommen, und in kaum einem Land so stark wie in Deutschland. Marcel Fratzscher fügt hinzu: „Denn durch eine starke und leistungsfähige Wirtschaft in Verbindung mit einer soliden Finanzpolitik in den vergangenen siebzig Jahren hat sich der deutsche Staat eine enorme Glaubwürdigkeit erworben, nicht nur hierzulande, sondern überall auf der Welt.“ Quelle: „Geld oder Leben“ von Marcel Fratzscher

Von Hans Klumbies