Religiöser Glaube zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er sich dem Prinzip der Rationalität entzieht. Richard Dawkins hat das treffend auf den Punkt gebracht: „Religiöser Glaube entbehrt nicht nur jeder Evidenz, seine Unabhängigkeit von Evidenz ist sogar sein ganzer Stolz und wird lautstark überall verkündet.“ Philipp Sterzer ergänzt: „Religiösen Glaube ist also nicht nur inhärent irrational, er zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er durch rationale Argumente oder Evidenz weder begründet noch widerlegt werden kann.“ Man kann sogar argumentieren, dass religiösen Glaube genau aus dieser Nichtfalsifizierbarkeit seine große Kraft schöpft, denn er erhebt sich dadurch über Fragen und Zweifel, ist durch diese nicht angreifbar. Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.
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Passende Bücher bei Amazon findenGlaubensinhalte bedürfen keiner Begründung
Philipp Sterzer stellt fest: „Religiöser Glaube nimmt für sich apriorische Gewissheit in Anspruch, was bedeutet, dass Glaubensinhalte keiner Begründung und keiner Evidenz bedürfen, sondern einfach a priori – von vorneherein – als wahr angenommen werden.“ Für diejenigen, die glauben, bringt das ein angenehmes Gefühl von Sicherheit mit sich, ein willkommener Effekt in einer Welt voller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten. Vielen Gläubigen kann man sogar eine Art praktischer Rationalität attestieren, indem man die Aussage „ich glaube, weil es mir hilft“ als einen guten Grund für Gottesglauben akzeptiert.
Zeitlose Rationalität ist Gläubigen einfach weniger wichtig als der praktische Nutzen des Glaubens. Philipp Sterzer fügt hinzu: „Das Bedürfnis nach einer Stütze, Orientierung oder Sinnstiftung im Leben ist größer als das Bedürfnisnach empirisch überprüfbaren Wahrheiten.“ Man kann sich nun auf den Standpunkt stellen, dass diese Gewichtung Privatsache ist. Doch Überzeugungen, die mit einer solchen apriorischen Gewissheit vertreten werden, haben auch Risiken und Nebenwirkungen.
Irrationale Überzeugungen sind nicht grundsätzlich wahnhaft
Diese treten vor allem dann zutage, wenn Menschen oder Gruppen von Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen aufeinandertreffen. Philipp Sterzer weiß: „Die Liste von sogenannten Glaubenskriegen ist lang und die Zahl derer, die ihnen zum Opfer gefallen sind und immer noch zum Opfer fallen, enorm.“ Genau das ist eines der Hauptargumente überzeugter Atheisten, die sich mit leidenschaftlichem Eifer gegen religiösen Glauben wenden.
Religiöser Glaube ist also eine sehr häufig anzutreffende und damit „normale“ Form einer irrationalen Überzeugung. Er ist nicht irgendwie „aus Versehen“ irrational, sondern erkennt in der Regel das Prinzip zeitloser Rationalität für sich ausdrücklich nicht an. Angesichts der weiten Verbreitung religiösen Glaubens könnte man sogar zu dem Schluss kommen, dass irrationale Überzeugungen viel „normaler“ seien als rationale. Philipp Sterzer betont: „Auf jeden Fall würde man sich auf sehr dünnem Eis bewegen, wenn man argumentieren wollte, dass epistemisch irrationale Überzeugungen grundsätzlich wahnhaft und damit ein Zeichen psychischer Krankheit sind.“ Quelle: „Die Illusion der Vernunft“ von Philipp Sterzer
Von Hans Klumbies
