Der Obrigkeitsgehorsam ist ein Kernmerkmal der Deutschen

Inwiefern der Stereotyp der gehorsamen Deutschen einer geschichtlichen Realität entspricht oder jedenfalls entsprochen hat, ist schwierig zu eruieren und heut höchst umstritten. Martin Wagner stellt fest: „Lange Zeit aber haben historische Studien dieses Stereotyp unterstrichen, fügte es sich doch so gut in die Idee eines deutschen „Sonderwegs“, der einerseits erklären sollte, warum die deutsche Geschichte in das NS-Regime anstatt zu einer modernen liberalen Demokratie geführt habe.“ Der angesehene US-Historiker Gordon Alexander Craig stellte sich in seinem 1982 erschienenen Buch „The Germans“ die Frage, auf welchem Wege sich der Obrigkeitsgehorsam zu einem Kernmerkmal der Deutschen herausbilden konnte und wie dieser noch nach seinem tragischen Höhepunkt in der NS-Zeit in der Bundesrepublik nachwirkte. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).

Die verrückte Idealisierung des Gehorsams ist typisch deutsch

Dieser im 17. Jahrhundert begründete Obrigkeitsgehorsam habe sich dann laut Gordon Alexander Craig über Jahrhunderte in der deutschen Geschichte fortgesetzt, auch lange nachdem diese kleinsstaatlichen Staatsgebilde ihren direkten Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Leben Deutschlands verloren hatten. Martin Wagner ergänzt: „Begünstigt wurde dieser Trend durch eine Reihe späterer Tatbestände, vor allem im europäischen Vergleich schwache und kurzlebige Aufklärungsperiode sowie den besonderen deutschen Nationalismus, der sich seit dem späten 18. Jahrhundert ausprägte.“

Dabei handelte es sich um einen Nationalismus, der durch die Versteifung auf kulturelle Besonderheiten eine apolitische Tendenz hatte und der fortlaufenden Akzeptanz der Obrigkeit nicht im Wege stand. Martin Wagner fügt hinzu: „Auch Hannah Arendt sprach 1964 im Kontext des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem davon, dass die „geradezu verrückte Idealisierung des Gehorsams spezifisch deutsch“ sei.“ Und jedenfalls in eher essayistischen als wissenschaftlichen Publikationen erfreut sich das Stereotyp des deutschen Gehorsams weiterhin einiger Beliebtheit, wenn auch mit nur teilweise stärkerer Nuancierung.

Deutschland ist immer Teil des Westens gewesen

Martin Wagner nennt ein Beispiel: „So sieht der amerikanische Anarchist James C. Scott in einem Essay aus dem Jahr 2012 den deutschen Gehorsam darin bestätigt, dass deutsche Fußgänger angeblich minutenlang einer roten Ampel stehenbleiben, auch wenn kein Auto weit und breit zu sehen ist.“ Gleichzeitig aber konzediert Scott, dass es in Deutschland, früher als in anderen Ländern, eine Bereitschaft gegeben habe, Ungehorsam in der Gestalt von militärischen Deserteuren ausdrücklich zu würdigen.

In der neueren historischen Forschung wird die Vorstellung einer besonderen Gehorsamsbereitschaft der Deutschen stärker in Frage gestellt – eine Entwicklung, die sich an die inzwischen schon länger kritisch betrachtete Leitthese eines deutschen Sonderweges anschließt. Deutschland, so etwa die Historikerin Hedwig Richter, sei immer „Teil des Westens“ gewesen, und es sei irreführend, „das Menschheitsverbrechen des Holocaust mit langen Kausalketten von Untertanengeist und Pickelhauben zu erklären“. Quelle: „Die Deutschen und der Gehorsam“ von Martin Wagner

Von Hans Klumbies