Philipp Blom schreibt: „Innerhalb einer Bandbreite von Perspektiven wurden vier Autoren im Laufe des 17. Jahrhunderts weiterhin gelesen, häufig wieder aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Zwei von ihnen aber – Michel de Montaigne und Bernardino Telesio – wurden irgendwann als Literatur oder wissenschaftliche Eigenbrötelei eher von Liebhabern und Historikern konsultiert.“ Die beiden anderen aber rückten ins Zentrum der Debatte, beeinflussten Generationen von Wissenschaftlern und Philosophen und wurden dementsprechend als intellektuelle Gründerväter eines neuen Zeitaltern gefeiert, in den Kanon der wichtigsten Werke aufgenommen, von Historikern hervorgehoben und an Schulen und Universitäten gelehrt. Bis ins 19. Jahrhundert hindurch hatte dieser Kanon eine Leerstelle, eine klaffende Lücke in der Geschichte des Denkens, einen Namen aus der nachfolgenden Generation, der nicht oder nur mit Bannflüchen genannt werden durfte: Baruch de Spinoza (1632 – 1677). Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Passende Literatur zu diesem Thema:
Aktuelle Angebote zu "Der Name Baruch de Spinoza durfte nur mit Bannflüchen genannt werden"
Passende Bücher bei Amazon findenManche Kommentatoren hielten Baruch de Spinoza für den Antichristen
Das Werk des jüdisch-niederländischen Autors und Linsenschleifers Baruch de Spinoza galt lange als zu skandalös, zu subversiv, um offen zu diskutiert zu werden, und während seine Verehrer ihn als eine Art philosophischen Messias feierten, warfen seine vielen Feinde ihm vor, unschuldige Geister unversehens in den flammenden Schlund des Atheismus zu stürzen. Manchen Kommentatoren behaupten sogar, er sei der Antichrist selbst. Diese Anspielung entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Denn Baruch de Spinoza behauptete von sich, dass er nichts anderes tat, als Gottes Existenz, seine Allmacht und Güte und Vollkommenheit mit mathematischer Exaktheit zu beweisen und so nach strikt logischen Kriterien gültige Prinzipien für ein Leben nach der göttlichen Vernunft zu formulieren. Philipp Blom weiß: „Baruch de Spinoza war in eine portugiesisch-jüdische Händlerfamilie in Amsterdam aufgewachsen hat hatte dort eine Jeschiwa besucht, in der die Schüler in Talmud und Bibelauslegung unterwiesen wurden.“
Baruch de Spinoza wurde aus der jüdischen Gemeinde ausgestoßen
Sein wacher Geist strebte aber nach weiteren Horizonten. Philipp Blom erklärt: „Er lernte Latein, geriet in den Zirkel der Freigeister und Dissidenten und wurde schließlich wegen seiner häretischen Ansichten aus der jüdischen Gemeinde ausgestoßen und mit einem Bann belegt: Kein Mitglied der Gemeinde und seine Familie durfte fortan mit ihm Kontakt haben oder mit ihm sprechen.“ Baruch de Spinoza verließ seine Heimatstadt und verdiente seinen Lebensunterhalt mit der Konstruktion optischer Instrumente und dem Schleifen von Linsen.
Den Berichten seiner wenigen, aber ergebenen Freude zufolge lebte er einfach und fast wie ein Mönch und arbeitete an philosophischen Texten. Philipp Blom stellt fest: „Als einer der raren Teilnehmer an der Diskussion in einem Europa, dessen geografische und intellektuelle Perspektiven sich radial erweiterten, war Baruch de Spinoza sowohl in der diskutieren Methodik der jüdischen wie auch der lateinisch-christlichen Tradition bewandert.“ Das gab ihm die Möglichkeit, jede Tradition aus der Sicht der anderen zu sehen und argumentativ von einer ungewohnten Warte aus zu hinterfragen. Quelle: „Die Unterwerfung“ von Philipp Blom
Von Hans Klumbies
