Emanuele Coccia vertritt folgende These: „Wir brauchen unser Zuhause aus demselben Grund, aus dem wir das Schreiben brauchen. Herkömmliche Erfahrung reicht niemals aus. Denn es genügt einfach nicht, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist, und uns an sie zu schmiegen, indem wir unsere Silhouette an ihre Oberfläche anpassen.“ Menschen müssen aus ihrer und der eigenen Realität eine Vision schöpfen, eine Mischung aus Farben, Klängen, Gerüchen und Emotionen. Die Spezies Mensch kann die Welt nicht in ihrer Reinheit bewohnen, indem sie den Platz sucht, der am wenigsten Raum beansprucht. Denn die Welt zu bewohnen heißt, ihre Struktur zu verändern, um selbst zur Schrift des Planeten Erde zu werden. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Gründe für ein Zuhause sind nicht von Bedeutung
Eine uralte Illusion verleitet Menschen dazu, das Zuhause und die Dinge um sie herum als Bestandteile der Welt anzusehen. Emanuele Coccia fügt hinzu: „Ein tiefes urbanes und ökologisches Verantwortungsbewusstsein treibt uns dazu, die Verbundenheit unserer Behausungen mit ihrer Umgebung zu unterstreichen.“ Dabei spielen äußere Form, Größe oder Material keine Rolle. Es ist unerheblich, ob es sich um ein Zelt, eine Hütte oder einen Prachtbau aus dem 17. Jahrhundert handelt.
Auch die einzelnen Gründe, warum Menschen ein Zuhause haben, sind nicht von Bedeutung. Emanuele Coccia erklärt: „Denn es ist gleichgültig, ob wir nun einen Ort wollen, an dem wir uns vor dem Wetter schützen, unsere Besitztümer ansammeln oder Vertrautheit mit unseren Lieben herstellen können.“ Tatsächlich bauen Menschen Häuser, um nicht nur die physischen, klimatischen, biologischen oder ökologischen, sondern auch und vor allem die psychischen und spirituellen Ketten einer kontinuierlichen Realität zu sprengen.
Das Zuhause stimmt in nichts mit seiner Umgebung überein
Das Zuhause soll die Realität jedoch nicht unterbrechen, sondern ihr in einem Akt des Willens eine andere, zusätzliche Raumzeit hinzufügen. Emanuele Coccia ergänzt: „Zuhause herrscht ein anderes Licht und eine andere Luftfeuchtigkeit, aber auch eine andere Liebe, andere Stimmungen und eine andere Zeit, die sich nicht nach dem Kalender der Stadt richtet.“ Zuhause tut man ganz andere Dinge als draußen unter freiem Himmel. Und das ist keine Frage der Scham.
Vielmehr verwechseln Menschen Vielfalt und Isolation und verwandeln eine kosmische Autonomie in den kleinbürgerlichen Wunsch, uns sozial und psychologisch von anderen zu unterscheiden. Emanuele Coccia erläutert: „Dieses Anderssein lässt sich nicht auf den Gegensatz von Innen und Außen reduzieren. Die Ähnlichkeiten sollten uns nicht täuschen. Jedes Zuhause ist eine Höhle, deren Raumzeit niemals Teil des Planeten sein wird.“ Es ist wie ein Loch, das in die Welt gestanzt wurde und in nichts mit seiner Umgebung übereinstimmt. Quelle: „Das Zuhause“ von Emanuele Coccia
Von Hans Klumbies
