Im September 1945 kündigt Jean-Paul Sartre einen öffentlichen Vortrag an, dessen Titel „Der Existenzialismus und der Humanismus“ lautet. Dem größeren Publikum war er bis dahin eher als Schriftsteller des Romans „Der Ekel“ bekannt. Wolfram Eilenberger schreibt: „Bereits eine Stunde vor Beginn platzt der Saal aus allen Nähten. Nur mühsam bahnt Sartre sich einen Weg bis zum Podium. Vorbereitet hat er eine flammende Verteidigung seiner neuen Philosophie der Handlung – gegen deren weltanschauliche Kritiker von rechts wie links, also Katholiken und Kommunisten.“ Zugegeben bestand der Kern seines „Existenzialismus“ darin, jedes Subjekt als ein Wesen zu begreifen, das zur Freiheit seiner Selbstwahl verurteilt war. In seinem neuen „Geister der Gegenwart“ entwirft Wolfram Eilenberger ein großes Ideenpanorama der westlichen Nachkriegszeit. Dazu begibt er sich auf die Spuren von Theodor W. Adorno, Susan Sonntag, Michel Foucault und Paul K. Feyerabend.
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Und ja, ganz in idealistischer Spur setzte auch seine Philosophie auf den Primat des Geistes vor der Materie. Wolfram Eilenberger erklärt: „In einer existenzialistisch begriffenen Welt gibt es schlicht keinen Zustand, keine Haltung und Begehren, die dem Zugriff bewusster Selbstbestimmung entzogen ist. Nichts im eigenen Dasein ist einfach gegeben, alles letztlich form- und also veränderbar.“ Oder als griffiger Slogan: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Das bedeutete allerdings keineswegs, wie von den Katholiken behauptet, eine nihilistische Abkehr von allgemein verbindlichen ethischen Normen und transzendenten Werten.
Ebenso wenig wie der Wille zur Selbstwahl nur die letzte Schwundstufe einer klassenblinden, bürgerlichen Subjektphilosophie darstellte, wie die Kommunisten kritisierten. Wolfram Eilenberger ergänzt: „Vielmehr zeigte sich, so Jean-Paul Sartre, der Grad je eigener Freiheitspotenziale mit denen aller anderen Mitmenschen verknüpft. Zugleich sei jeder Mensch in seinen jeweiligen Entscheidungen faktisch mitverantwortlich für die Gestaltung ebenjenes sozialen Gesamtgefüges.“
Keine Handlung ist ethisch belanglos
Dieses sollte die ewigen revolutionären Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu einer politischen Realität für alle machen. Wolfram Eilenberger fügt hinzu: „Keine Handlung, keine Vorliebe, kein Lebensentwurf und Existenzaspekt – Ehe, Berufswahl, Glaubenszugehörigkeit, Sexualität – war ethisch belanglos. Auch und gerade das Private war eminent politisch!“ Weshalb ein im Sinne des Existenzialismus vollauf mündig zu nennendes Subjekt immer auch die Perspektiven und Interessen Nächster wie Fenster im Blick behielt, ja letztlich der gesamten Menschheit.
Jean-Paul Sartre schreibt: „So bin ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild des Menschen, den ich wähle; mich wählend wähle ich den Menschen.“ In Wahrheit gab es keinen nicht vermittelbaren Widerspruch zwischen dem individualisierenden Imperativ „Sich selbst zu wählen“ und tätiger Solidarität mit den Geknechteten aller Länder, Kontinente und Zeiten. Denn das, was man an sich selbst tat, tat man gemäß Sartres neuen Evangelium der Freiheit auch an den Geringsten unter seinen Brüdern und Schwestern. Quelle: „Geister der Gegenwart“ von Wolfram Eilenberger
Von Hans Klumbies
