Der Mensch hat sich seine eigene Umwelt geschaffen

In seinem Buch „Mensch“ plädiert Josef H. Reichholf dafür, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollen. Dann macht man sich keine falschen Hoffnungen. Die drei Kernthesen des Buches lauten: Erstens, dass es „den“ Menschen nicht gib. Zweitens, dass die Natur der Menschen wirkmächtiger ist als ihr Geist. Und drittens, dass die Gegenwart ohne die Vergangenheit nicht zu verstehen und daher die Zukunft auf längere Sicht nicht zu planen ist. Die Menschheit hat heute eine globale Verbreitung erreicht, wie keine andere vergleichbare Art von Lebewesen, von Bakterien und Viren abgesehen. Sie nimmt keine „ökologische“ Nische ein, sondern hat sich von der natürlichen Umwelt verselbstständigt, emanzipiert und sich eine eigene geschaffen. Prof. Dr. Josef H. Reichholf ist Evolutionsbiologe und war bis 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatsammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München.

Der Mensch ist einzigartig

Mit allen Lebewesen verbindet die Menschen eine abgestufte Verwandtschaft. Sie umfasst alle Individuen in ihrer Unterschiedlichkeit und erstreckt sich über die nächstverwandten Menschenaffen, die anderen Primaten und die Säugetiere hinein in die Fülle des Lebendigen. Die Verwandtschaft nimmt uns aber keine Eigenständigkeit. Als Menschen sind wir eindeutig verschieden von den Menschenaffen und im Wortsinn „einzig-artig“. Es gibt keine Zwischenformen.

Die meisten Menschen kennen es von sich selbst: Beständigkeit regt nicht gerade zur Veränderung an. Wo sich kaum etwas ändert, neigen Gesellschaften zur Erstarrung auf dem Gewohnten, dem Althergebrachten. In der freien Natur verhält es sich nicht anders. Josef H. Reichholf schreibt: „Bleibt der Druck der Umwelt gleich im Hinblick auf die Beschaffung von Nahrung, Auseinandersetzung mit Feinden und Witterungsverhältnisse bei geringfügigen Schwankungen, vollzieht sich allenfalls eine sogenannte stabilisierende Selektion. Das heißt, ihr fällt zum Opfer, was von der Norm zu sehr abweicht.“

Die virtuelle Welt wird zukünftig für die Menschen bestimmend sein

Aufrechter Gang, Nacktheit und großes Gehirn bilden sicherlich die drei auffälligsten äußerlichen Merkmale der Menschen. Das Menschsein kommt damit jedoch nicht von selbst zustande. Die Menschen verhalten sich anderen Menschen gegenüber trotz dieser klaren anatomischen Gemeinsamkeiten sehr unmenschlich. Wir nennen das brutal, als ob dies ein für Tiere – brutes – kennzeichnendes Verhalten wäre. Was kaum falscher sein könnte. Denn keine Tierart legt menschenähnlich Grausamkeiten an den Tag oder näherst sich solchen auch nur ansatzweise.

Josef H. Reichholf wagt einen Blick in die Zukunft. Sie wird anders sein als unsere Gegenwart. Zukünftige Generationen werden sie wahrscheinlich für eine schöne Welt halten, weil es ihre ist. Vielleicht wird Künstliche Intelligenz meistern, was unserer eigenen nicht gelang. Jedenfalls können wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass die virtuelle Welt über das Internet in viele Bereichen des menschlichen Lebens bestimmend sein wird. Und dass die Menschen selbst pragmatischer auf Änderungen und neue Herausforderungen reagieren werden als die politische Systeme, denen sie ausgesetzt sind.

Mensch
Evolution einer besonderen Spezies
Josef H. Reichholf
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 350 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-446-28133-2, 27,00 Euro

Von Hans Klumbies