Der Liberalismus erweist sich als Stehaufmännchen

Der Liberalismus scheint zu einem Stehaufmännchen der Geschichte zu werden. Nachdem er nach dem durch Imperialismus ausgelösten Ersten Weltkrieg wiederkam, und nach dem durch Faschismus ausgelösten Zweiten Weltkrieg wieder auferstand, überlebte er schließlich auch noch den Kommunismus. Markus Hengstschläger ergänzt: „Diese Stehaufmännchenqualität steht gerade aktuell wieder auf dem Prüfstand. Man denkt dabei erst gar nicht an das autoritär von der kommunistischen Partei regierte China, das viele Chinesen als Demokratie, allerdings nicht im liberalen Sinn, ansehen.“ Man denkt vielleicht an die aktuellen Entwicklungen in der „gelenkten Demokratie“ Russlands. Die liberale Demokratie steht mächtig unter Druck durch Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei oder durch Viktor Orbán in Ungarn. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

In einer Demokratie muss Platz für die Stimmen und Ansichten aller sein

Ein Populist argumentiert seine Vorgehensweise damit, dass er der Einzige sei, der wirklich den Willen des Volkes, um nicht zu sagen, des „kleinen Mannes“ vertritt. Markus Hengstschläger stellt fest: „Dadurch werden aber nicht selten auch grundlegend illiberale Ansätze gerechtfertigt. In einer liberalen pluralistischen Demokratie muss Platz für die Stimmen und Ansichten aller sein, vorausgesetzt, die individuelle Freiheit und Autonomie geht nicht auf Kosten der Freiheit anderer.“

Die Frage ist für Markus Hengstschläger also: „Wie halten wir es mit der Autonomie? Wo wir doch wissen, dass sie gleichzeitig so sehr ersehnt wie gefürchtet und gefordert wie nachhaltig untergraben wird.“ Dabei steht man nicht selten vor einem Dilemma. Zuviel Autonomie schmälert die Kraft des Verbindenden und zu wenig davon verringert die Anzahl der Verbundenen. Und schnell dreht sich alles um die Frage, wie viel man frei entscheiden und dabei die Regel der Gemeinschaft ignorieren darf, ohne dadurch gleich seine Zugehörigkeit aufs Spiel zu setzen.

Das hohe Gut der Autonomie muss erhalten bleiben

Und dann sind da noch all die offenen Fragen zu Zentralismus versus Regionalismus, global versus lokal oder Staat versus Markt. Markus Hengstschläger erklärt: „Nicht nur im Zusammenhang mit Freiheitsbeschränkungen während der Pandemie, auch im Bereich der digitalen Ethik oder der Bioethik begegnet man unentwegt dem Verhältnis zwischen dem Individuum, das seine Autonomie gegen Fremdbestimmung verteidigen will, und der Gesellschaft.“

Die Kontroversen sind vorprogrammiert. Autonomie hat viele Gesichter – Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Selbstständigkeit, Selbstverwaltung, Entscheidungsfreiheit und vieles mehr. Markus Hengstschläger erläutert: „Aus ethischer Sicht scheint die Sache klar zu sein: Das hohe Gut der Autonomie muss erhalten bleiben. Unter Autonomie versteht man schließlich die Fähigkeit des Menschen, sich als Wesen der Freiheit zu begreifen, sich frei zu entscheiden und frei zu handeln.“ Nicht immer so klar abzustecken ist die Grenzziehung individuellen Handels an der Frage, ab wann andere dadurch Nachteile erleiden oder gar zu Schaden kommen können. Quelle: „Die Lösungsbegabung“ von Markus Hengstschläger

Von Hans Klumbies