Eva Menasse schreibt: „Die Welt ist wahrlich voll von unglaublichen, bizarren und oft sogar wahren Geschichten; der Zugang zu ihnen hat sich, anders als früher, vom Bildungsstand und den individuellen finanziellen Möglichkeiten völlig entkoppelt.“ Früher begaben sich hochgebildete Abenteurer, gefördert von Mäzenen, auf Expeditionen in unbekannten Erdteile und gestalteten mit ihren Trophäen, Zeichnungen und Erzählungen das Bild für die Daheimgebliebenen aus. Heute kann sich jeder von zu Hause in den Louvre und die Library of Congress hineinklicken, aber auch in jedes erdenkliche Unterholz. Das klingt schön demokratisch – und wurde von Beginn an als großer Vorteil des Netzes gefeiert –, hat aber gleichzeitig die früheren Filter außer Kraft gesetzt. Der „gesunde Menschenverstand“ den selbst Hannah Arendt noch als Maßstab anrief, ist im Zeitalter der Digitalmoderne wirkungslos geworden. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.
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Passende Bücher bei Amazon findenBlinde Skepsis wurde im Wissenszeitalter zum gültigen Credos
Selbst solide Allgemeinbildung, robuste Skepsis, logisches Denken und ein gutes Gefühl für Wahrscheinlichkeiten helfen einem Menschen heute kaum weiter, der nur kraft seines Verstandes versucht, den Wahrheitsgehalt eines detailreich übermittelten Sachverhalts einzuschätzen. Eva Menasse erklärt: „Er braucht dazu wieder das Netz und eine gewisse Netzkompetenz; weder seine Bildung noch seine Bücher können ihm helfen.“ Wie im „Zauberlehrling“ und im Märchen vom süßen Brei ist der Überfluss zur Überforderung, ja zur Bedrohung geworden.
Direkt neben der neuen Leichtgläubigkeit wurde, ausgerechnet im Wissenszeitalter, blinde Skepsis zum gültigen Credo. Eva Menasse ergänzt: „Viele Menschen können der Flut nur noch trotzig begegnen, indem sie in einem Aufwaschen alles abwehren, auch Fakten, die sich leicht überprüfen ließen.“ Die durchdigitalisierte Menschheit zerfällt in solche, die noch daran glauben, dass sich irgendwo, mit Mühe, Fußnoten und eigenem Denken, Wahrheiten dingfest machen lassen, und in die anderen, die nur glauben, dass sich wirklich alles widerlegen lässt.“
Die Informationsexplosion beunruhigt manche Menschen bis zum Wahnsinn
Letzteres setzt allerdings unbedingt voraus, dass man die Unterschiede zwischen Fakten und Ansichten maximal verwischt, zwischen kleinen Details und großen Theorien, zwischen Zitat und Kontext, Wahrscheinlichkeiten und Irrationalismus. Eva Menasse fügt hinzu: „Dieses Ganz-oder-gar-nicht, dem man nun so oft begegnet, dazu die vielen Paradoxien – je mehr Verknüpfung, desto mehr Zerrüttung, je mehr Daten, desto mehr Unverständlichkeit, je mehr Teilhabe, desto mehr Wut –, sind Indizien für eine um sich greifende Auflösung von Konsistenz.
Die Welt wird den Menschen qua Informationsexplosion immer unverständlicher, und das beunruhigt sie bis zum Wahnsinn. Im Grunde ist das keine unvernünftige Reaktion. Eva Menasse erläutert: „Aber all die Paradoxien dürften, so analytisch interessant sie auch sind, die grinsenden Geier über einer immer heftiger zerstrittenen Herde sein. Es sind Krisensymptome, auf die Coronapandemie noch einmal scharf gestellt hat.“ Vor der Erfindung der Atomwaffen und von kosmischen Ereignissen wie Meteoriteneinschlägen und darauffolgenden Eiszeiten abgesehen, waren Seuchen die größte Bedrohung der Menschheit. Quelle: „Alles und nichts sagen“ von Eva Menasse
Von Hans Klumbies
