Die Bewegungsfreiheit eines jeden Willens bleibt eingeschränkt. Denn er darf nicht zu sehr in die Freiheitsarena der anderen hineinwirken. Eva von Redecker ergänzt: „Im Gegenzug kann er dann aber auch innerhalb seiner eigenen unbehelligt schalten und walten. In diesem Kompromiss besteht die liberale Freiheit und durch ihn schwelt in ihr eine latente Unzufriedenheit.“ Es ist ein vernünftiger Kompromiss, doch ihm liegt eine bestimmte Unvernunft zugrunde: die Tendenz, doch alle Schranken niederreißen und gerade darin eine wahre, größere Freiheit spüren zu wollen. Zumindest für einen Moment. Oder eben: die anderen loswerden zu wollen, damit die Notwendigkeit der Beschränkung fortfiele. Man kann die Vernunft nachträglich gut heißen, aber zunächst schürt die simple Formel „frei bin ich, wenn ich tun kann, was ich will“, Sehnsucht nach einem leeren Universum. Eva von Redecker ist Philosophin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich mit der Kritischen Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik.
Die Indifferenz gegenüber dem Leben wohnt dem Freiheitsbegriff inne
Mit anderen Worten: Frei bin ich, wenn ich endlich tun kann, was auch immer ich will, ohne dass auch nur jemand da wäre, den es was angehen könnte. Aber es sind nicht nur die anderen, die man auf dem Mars oder innerhalb seiner abgezirkelten Freiheitsrecht los wäre. Es ist auch die Erde. Eva von Redecker erklärt: „In der Übertreibung wird deutlich, was schon dem gängigen Freiheitsbegriff innewohnt: diese Indifferenz gegenüber dem irdischen Leben.“ Diese Ablösung von der Erde hilft zu erklären, warum „Freiheit“ derzeit vor allem als Gallionsfigur der Verwüstung funktioniert.
Eva von Redecker schreibt: „All der Tod umher, er betrifft uns gar nicht, jedenfalls nicht im Innersten, nicht in unserer Freiheit. Oder gar: er betrifft uns doch, insofern er auf unheimliche Weise willkommen ist.“ Je weniger Leben ringsumher, desto größer der Spielraum des weltraumreisenden Einzelwillens. Warum bilden Menschen ihre Freiheit überhaupt nach dem Modell der möglichst unbegrenzten Beweglichkeit? Das Extrem der Bewegungsfreiheit ist nur genau solange attraktiv, wie man es zeitblind betrachtet.
Oft hat man etwas vor und sieht es scheitern
Unser inneres Bild für Freiheit ist mit einem weiten Geröllfeld gar nicht schlecht getroffen. Freiheit ist, wenn nichts im Weg steht. Aber Menschen betrachten diese Leere mit einem vibrierend lebendigen, mit Elan und Eindrücken sowie Absichten gefüllten Willen. Eva von Redecker fügt hinzu: „Eben aus dem Blickwinkel einer Energie, die im Alltagsdickicht oft strauchelt und nicht zum Einsatz kommt: Endlich freie Bahn!“ Wie oft hat man etwas vor und sieht es an dem scheitern, was sonst noch da ist: Kollegen, Behörden, Fürsorgepflichten.
Die freie Bahn verlockt, aber sie verlockt nur als Augenblick und dazu als Augenblick, in dem man alles mitnehmen kann, was einen ausmacht und bewegt. Wenn Menschen sich die Einzelfreiheit hingegen über eine Dauer hinweg vorzustellen versuchen, nimmt die Ödnis überhand. Eva von Redecker stellt fest: „Der Tatendrang, die Aufmerksamkeit und schließlich gar der Lebenswille schmelzen, wenn nichts da ist außer der freien Bahn. Deshalb stellen wir uns das vermutlich auch gar nicht vor.“ Quelle: „Bleibefreiheit“ von Eva von Redecker
Von Hans Klumbies
