Der berühmteste philosophische Dialog handelt vom Liebesgott Eros

Hans Rudi Fischer schreibt: „Fragt man nach dem Wo des Denkenden über sich selbst, geraten wir in jene abwesende Anwesenheit, jenen Nicht-Ort, den die Griechen als die Lebensform des Philosophen bestimmt haben.“ Aristoteles sah im betrachtenden Leben des Philosophen die höchste Lebensform. Platon lässt im Symposion – Gastmahl – seinen Lehrer Sokrates als den Prototypus des ortlosen Philosophen auftreten. Der wohl berühmteste Dialog der Weltliteratur handelt von dem Liebesgott Eros. Strukturell ist die Erzählung, von der man nicht weiß, ob sie Story oder History ist, wie das Verhältnis von Ich und Welt aufgebaut. Apollodoros erzählt die Geschichte vom Symposion zu Ehren des Tragödiendichters Agathon, die im Jahre davor erzählt worden sei. Hans Rudi Fischer ist Philosoph und Psychologe. Seit 30 Jahren arbeitet er als Lehrender Therapeut, Coach und Organisationsberater.

Sokrates sinnt oftmals über etwas bei sich selbst nach

Im Zentrum des Dialoges steht die Rede des Sokrates über die Geschichte, die ihm seine Lehrerin Diotima über den Liebesgott Eros erzählte. Hans Rudi Fischer ergänzt: „Aristodemos erzählte, dass er den schön herausgeputzten Sokrates getroffen habe und dieser ihn fragte, ob er nicht – uneingeladen – zur Siegesfeier des Agathon mitgehen wolle. So seien sie einen Teil des Weges gemeinsam gegangen. Sokrates aber sei unterwegs „über etwas bei sich nachsinnend“ stehen geblieben und haben ihn geheißen vorauszugehen.

Ein Knabe – Diener – wird losgeschickt, um nach Sokrates zu schauen. Er kommt zurück und erzählt ebenfalls, Sokrates sei im Vorhof des Nachbarn stehengeblieben und wolle noch nicht hereinkommen. Der Hausherr Agathon antwortet: „Wunderlicher Bericht […] so ruf in doch und lass nicht ab.“ Ein paar Sätze weiter heißt es dann auch: „Nicht doch, sondern lasst ihn nur, denn er hat das so in der Gewohnheit, bisweilen hält er an, wo es sich eben trifft und bleibt stehen.“

Diotima zeigt Sokrates die Grenzen der Gegensatzlehre auf

Der Ort denkenden Stillstehens ist ein Atopos, wo der Denkende abwesend anwesend ist. Hans Rudi Fischer erläutert: „Weil die Negation das Negierte mitschleppt, ist beim Nicht-Ort nur klar, not „here“ irgendwo „nowhere“. Er bezieht im Denken jenen sonderbaren Ort, den das Nomen Atopos metaphorisch trefflich benennt, um den es auch beim Dazwischen geht und den die Griechen als Präposition und Nomen auch „ta metaxy“ nennen.“ Im erzählerischen Zentrum im Symposion berichtet Sokrates, was ihn die weise Priesterin Diotima, über das Wesen des Eros gelehrt habe.

Er habe geglaubt, Eros gehöre dem Schönen an, sei also schön und es könne nicht sein, dass er hässlich ist. Hans Rudi Fischer fügt hinzu: „Diotima habe ihm vor Augen geführt, dass es ein Mittleres oder Drittes geben müsse, das weder das Eine noch das Entgegengesetzte sei. Sie widerlegte ihn, indem sie zeigte, dass es etwas mitteninne gibt zwischen Weisheit und Torheit.“ Diotima zeigt Sokrates die Grenzen der Gegensatzlehre auf und verweist ihn auf jenes „Mittlere“, das weder das Eine noch das entgegengesetzte Andere ist. Quelle: „Ins Dazwischen“ von Hans Rudi Fischer

Von Hans Klumbies