Jeder kennt und keiner liebt sie: Menschen, die bei geringstem Anlass unverhältnismäßig hefig reagieren, die sofort die Beherrschung verlieren oder meinen, dass Beherrschung einen Aufwand erfordere, den sie sich selbst lieber nicht zumuten möchten. Heidi Kastner erklärt: „In der distanziert-formalen Sprache derjenigen Wissenschaften, die sich mit psychischen Phänomen befassen, handelt es sich bei solchen Personen um Menschen mit hoher Impulsivität, womit ein weiterer „technischer Begriff“ benannt ist, mit dem wir Emotionen anderer distanziert-emotionsfrei etikettieren.“ Ein nicht unwesentliches Problem liegt darin, dass diese Begrifflichkeit, so wie auch der Begriff der „Emotion“ nicht trennscharf definiert ist. Bei der Impulsivität handelt es sich um ein Konstrukt, das in neurobiologischen oder psychologischen Studien zumeist mit Aggression gleichgesetzt wird. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
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Aktuelle Angebote zu "Der Begriff der „Emotion“ ist nicht trennscharf definiert"
Passende Bücher bei Amazon findenLeicht erregbare Menschen bezeichnet man oft als Choleriker
Beschrieben wird die Impulsivität als „besondere Neigung zu unüberlegten, unerwarteten und plötzlichen Handlungen“, damit in Verbindung stehen die Begriffe „Impulshandlung“, „impulsives Verhalten“ und „Impulskontrolle“. Heidi Kastner fügt hinzu: „Impulsives Verhalten liegt dann vor, wenn die rationale Impulskontrolle zur Hemmung impulsiver Antriebe nicht ausreicht.“ Leicht erregbare Menschen werden umgangssprachlich auch als Choleriker bezeichnet, ein Begriff, der auf das altgriechische Erklärungsmodell unterschiedlicher Temperamente verweist.
Diese wurden auf eine unausgeglichene Zusammensetzung, der vier Körpersäfte zurückgeführt, wobei beim Wutschnaubenden, der „Gift und Galle spuckt“, eben die Galle als wesentlicher Bestandteil seiner Physis angenommen wurde. Heidi Kastner ergänzt: „Bei deutlichem Überwiegen einer Sorte war der gesunde Zustand nicht mehr gegeben, weshalb die chronische Wutneigung als Krankheit angesehen wurde.“ Die cholerische Charakterstruktur hat in bestimmte Diagnosesysteme keinen Eingang gefunden. Nur dort, wo sich die Muster, nach denen Menschen mit ihrer Umwelt in Kontakt treten, wiederholen und eine breite Spur von Leid und Verwüstung hinterlassen, sind diagnostische Zuschreibungen zulässig.
Der Begriff „Persönlichkeitsstörung“ erscheint nicht glücklich gewählt
In der Regel handelt es sich dann um Persönlichkeitsstörungen, ein Begriff, der nicht sonderlich glücklich gewählt erscheint. Heidi Kastner weiß: „Bezeichnet werden damit tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen und die deutliche Abweichungen in Wahrnehmung, Fühlen, Denken und in Beziehung zu anderen darstellen.“ Diese Verhaltensmuster sind stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche des Verhaltens und der psychischen Funktionen.
Heidi Kastner stellt fest: „Sie verursachen Leidenszustände beim Betroffenen oder bei anderen, mit denen er in Kontakt tritt, beginnen in Kindheit oder Adoleszenz, dauern lebenslang an und beruhen nicht auf einer anderen psychischen Störung oder Hirnerkrankung.“ Das Überdauernde dieser Definition, die eine Person rundweg zum lebenslang „Gestörten“ erklärt, stellt allerdings eine gehörige Stigmatisierung dar. Karl Jaspers meinte dazu: „Menschlich aber bedeutet die Feststellung des Wesens eines Menschen eine Erledigung, die bei näherer Betrachtung beleidigend ist und die Kommunikation abbricht.“ Quelle: „Wut“ von Heidi Kastner
Von Hans Klumbies
