Der älteste Feind des Menschen ist der Fremde

Für Alexander Mitscherlich ist es undenkbar, dass zwischen der menschlichen Aggressivität und den Kriegen in aller Welt kein kausaler Zusammenhang besteht. Als Beispiel nennt er die menschenverachtende Naziherrschaft im Dritten Reich, die der Verfolgung ihrer inneren Feinde den erklärten Eroberungskrieg gegen äußere Feindstaaten folgen ließ. Krieg ist für Alexander Mitscherlich eine eindeutige Form der kollektiven Aggression. Sobald sich allerdings eine historische Distanz zu einem Krieg herstellt, wird es für die Menschen in den allermeisten Fällen doch sehr fraglich, ob das erklärte Kriegsziel das Sterben des Einzelnen zu rechtfertigen vermochte.

Kriege entarten zu brutalen Mordräuschen

Moderne Diktaturen verstehen es laut Alexander Mitscherlich ausgezeichnet, Aggressionen zu mobilisieren und zugleich von den Hoffnungen und Idealvorstellungen ihrer Mitglieder Besitz zu ergreifen. Sie manipulieren gleichzeitig auf zwei Ebenen mit Versprechungen des Zuwachses an Selbstwert und an der Möglichkeit die vorhandene Aggression des Einzelnen zu befriedigen. Durch diese Kombination der Aussichten auf aggressive Vergnügungen und Beute wird die zivile Sittenordnung auf Kriegszeit abgeschafft und durch eine eingeimpfte neue gemeinsame Ausrichtung auf einen gemeinsamen Feind ersetzt.

Alexander Mitscherlich behauptet, dass seit den Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges bis hin zum Zweiten Weltkrieg sich eine gewisse Ritualisierung der Kriegshandlungen herausgebildet hatte. Nicht jede Scheußlichkeit war mehr ohne weiteres erlaubt. Das alles ging im Zweiten Weltkrieg wieder schrittweise verloren und gerät seither gänzlich in Vergessenheit. Massenmorde und Folterungen von Gefangenen und Zivilisten sind zu Alltäglichkeiten geworden. Die Lähmung des Gewissens der Mörder wird durch psychologische Manipulationstechniken erreicht. In einem moralisch bewusstlosen Zustand handeln die Protagonisten orgiastisch in brutalem Mordrausch.

Im Krieg soll der Feind vernichtet werden

Carl von Clausewitz versteht den Krieg als „einen Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ Die Absicht des Tötens wird hier zur Absicht der Unterwerfung verharmlost. Mao Tse-tung formulierte das Kriegsziel pragmatischer: „Die Wurzel alles Kriegsdenkens ist der Grundgedanke, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten.“ Die ältesten Feinde des Menschen sind laut Alexander Mitscherlich fremde Arten von Lebewesen. Die Reaktion gegen Fremdes ist deshalb zunächst eine defensive oder aggressive Feindreaktion.

Alle Kriegsformen haben recht verschiedene Konflikte, aus denen sich die Feindschaft nährt, aber haben alle die gleiche aggressive Endform. Überall münden sie in die gleichen Gewalttaten, überall fließt das gleiche Blut, wenn nicht Schlimmeres. Unabhängig vom Inhalt des Konflikts finden sich überall wo Krieg geführt wird, seit jeher politisch uninteressierte Menschen ein, die Abenteurer. Ihre Form der Kühnheit ist narzisstisch und hat sich ein Stück des kindlichen Glaubens an die Unsterblichkeit erhalten. Aus dieser Phantasie der Allmacht heraus wagen sie das Ungewöhnliche und gehen meist gewöhnlich zugrunde.

Eine Stärkung des Ichs ersetzt die beste Rüstung

In der bisherigen Geschichte haben immer wieder Kriege stattgefunden. Immer wieder haben sich Konfliktfelder gebildet. Wer in ihnen aktiv war, wurde von Erregung ergriffen, indem er sich entweder aktiv in den Konflikt hineinziehen ließ oder zum Opfer der Erregung der Machthaber degradiert wurde. Diese Mechanik umgreift für Alexander Mitscherlich die Freiheit der Entscheidung wie eine Zange. In diesem Stadium der Entwicklung konnte sich der Einzelne, wenn er es affektiv überhaupt noch war, dem Zwang nur mit sehr hohem Risiko entziehen.

Alexander Mitscherlich fragt sich, ob der Mensch es überhaupt zustande bringen kann, mit seinen Aggressionen zu leben, ohne dass sie die tödliche Wendung, schließlich die Wendung zur Selbstzerstörung nehmen. Eine Stärkung des Ichs, um den Manipulationstechniken unserer Zivilisation widerstehen zu können, ist für ihn eine weitaus bessere Sicherung gegen den Krieg als die beste denkbare Rüstung.

Von Hans Klumbies

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