Ben Ansell stellt fest: „Vielleicht ist das grundlegendste menschliche Bedürfnis, sicher zu sein und zu überleben. Wenn wir uns auf irgendetwas einigen können, dann darauf, dass wir alle am Leben und gesund bleiben wollen.“ In weltweiten Umfragen gaben 70 Prozent der Menschen an, dass ihnen Sicherheit wichtiger sei als Freiheit, wobei der Anteil in Ländern, in denen akut Krieg herrschte, am höchsten war. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte gehörte kriegerische Gewalt zu den tragischen Gewissheiten des Lebens. Doch in den letzten Jahrzehnten, bis zur russischen Invasion in der Ukraine, waren Kriege zwischen Staaten selten geworden. Auch der Alltag ist sicherer geworden als früher. Über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg wurde der Frieden durch „Selbsthilfe“ aufrechterhalten – wir fingen unsere Verbrecher selbst. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
Alle Menschen wünschen sich genug Geld zum Leben
Heute haben wir professionelle Polizeibehörden, die – wenn auch oft alles als unvoreingenommen – weitgehend in der Lage sind, für öffentliche Ordnung zu sorgen. Ben Ansell erklärt: „Das Vertrauen in die Polizei ist im Allgemeinen hoch: Gut drei Viertel der Menschen in den USA, Großbritannien, Deutschland und Japan haben ein großes oder sehr großes Vertrauen in die Polizei.“ In Ländern wie Brasilien, Guatemala oder Mexiko, in denen die Mordrate und die Kriminalität allgemein hoch sind, ist das Vertrauen in die Polizei dagegen verständlicherweise gering und das Bedürfnis nach Sicherheit im Vergleich zu dem nach Freiheit besonders hoch.
In den letzten Jahrzehnten stieg das Gewaltniveau innerhalb der Länder von Menschenrechtsverletzungen über Terrorismus bis hin zu Bürgerkriegen. Ben Ansell ergänzt: „Polizeigewalt ist in vielen wohlhabenden Ländern zu einem zentralen politischen Problem geworden. Manchen Berichten zufolge war das Jahr 2016 das gewalttätigste seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Wir allen wünschen uns genug Geld zum Leben. Die meisten von uns wollen zumindest so viel, wie sie heute haben.
Das grenzenlose Wirtschaftswachstum hat seine Schattenseiten
Und viele hatten Glück. Ben Ansell weiß: „Wir alle, die wir in der industrialisierten Welt leben, verfügen über einen Luxus, von dem unsere Vorfahren vor zehn Generationen nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Wir haben uns sogar schon daran gewöhnt, unseren Wohlstand innerhalb nur einer Generation zu steigern.“ Weltweit halten 80 Prozent der Menschen ihr Leben für genauso gut oder besser als das ihrer Eltern – in China sind es sogar 90 Prozent.
Doch das grenzenlose Wirtschaftswachstum hat seine Schattenseiten. Wir können nicht einfach Energie erzeugen, ohne das es Folgen hätte. Ben Ansell erläutert: „Möglicherweise heizen wir unseren Planten bis über die Grenzen seiner Belastbarkeit auf. Und wir müssen rasch handeln.“ Der Intergovernmental Panel of Climate Change, kurz Weltklimarat schätzt, dass die globalen Temperaturen um das Jahr 2040 über die tolerierbare Grenze von zwei Grad Celsius ansteigen. Quelle: „Warum Politik so oft versagt“ von Ben Ansell
Von Hans Klumbies
