Lange Zeit galten die Deutschen anderen und sich selbst gegenüber als ungehorsam. Martin Wagner blickt zurück: „In Germania“, dem 1496 gedruckten humanistischen Brieftraktat des Renaissance-Gelehrten und Kardinals Silvio Piccolomini, wird den Deutschen, die als solche in diesem Buch erstmals nach Tacitus´ gleichnamiger antiker Schrift aus dem Jahr 98 wieder ausführlich beschrieben werden, ein Mangel an Gehorsam attestiert.“ Die Fähigkeit der Deutschen, ihrem Kaiser zu folgen, sei äußerst mäßig: „Ihr gehorcht ihm nur, soweit ihr wollt, und ihr wollt so wenig wie möglich.“ Dieser mangelnde Gehorsam gegenüber dem Kaiser werde dabei jedenfalls bei einem Teil der Deutschen, so Piccolomini, vom Ungehorsam gegenüber dem Papst flankiert. Piccolominis Beschreibung entspricht derjenigen der freiheitsliebenden Germanen in Tacitus´ „Germania“ anderthalb Jahrtausende zuvor. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).
Die Germanen können sie pünktlich auf einer Versammlung erscheinen
Sofern sich die Germanen ihrem König unterordnen, so Tacitus, geschehe dies nur, weil sie dieser überzeugen kann – und nicht aus einer inhärenten Autorität und Befehlsgewalt des Königs. Martin Wagner fügt hinzu: „Dabei ist der Mangel an Unterwürfigkeit bei Tacitus – im Gegensatz zu Piccolomini – teilweise positiv konnotiert mit der Stärke und Unabhängigkeit des von den Römern gefürchteten Gegners im Norden.“ Größtenteils aber wird der Mangel an Gehorsam mit dem insgesamt primitiven, unproduktiven Charakter der arbeitsscheuen und trunksüchtigen Germanen in Verbindung gebracht.
Wie Tacitus hervorhebt, führt die Freiheitsliebe dazu, dass sich die Germanen nie pünktlich zu einer Versammlung einfinden können – da solche Pünktlichkeit sich ja als Gehorsam gegenüber einem Befehl interpretieren ließe. Martin Wagner ergänzt: „Stets werden zwei oder drei Tage dafür verschwendet, auf die Eintreffenden zu warten. Von deutscher Pünktlichkeit ebenso wie von deutschem Gehorsam ist hier noch keine Spur.“ Gehorsam ist bei Tacitus in erster Linie ein positives Zivilisationsmerkmal und ein wichtiger Garant effizienter Staats- und Militärführung.
Die “Germania“ entfaltete im modernen Deutschland eine immense Wirkung
In den Beschreibungen der einzelnen germanischen Stämme in den späteren Abschnitten der „Germania“ hebt Tacitus wiederholt hervor, in welchem Grad diese Stämme nun doch ein gewisses Maß an Gehorsam vorweisen können. Martin Wagner erklärt: „Positiv fallen ihm etwa die Chatten auf – ein im heutigen Hessen verortender Volksstamm –, die sowohl gehorsamer als auch verständiger seien als die meisten anderen Germanen.“ Negativ beschreibt Tacitus den Gehorsam in dieser Schrift nur im Bezug auf die im Norden angesiedelten Sitoner – und zwar deswegen, weil diese sich der Herrschaft von Frauen unterordnen würden.
Tacitus´ “Germania“ entfaltete im modernen Deutschland eine immense Wirkung. Manfred Fuhrmann spricht gar davon, dass die „Germania“ „das deutsche Nationalbewusstsein und den deutschen Nationalismus intensiver beeinflusst hat als jedes andere Dokument der geschichtlichen Überlieferung“. Martin Wagner stellt fest: „Die Deutschen der späten Jahrhunderte nahmen auch Tacitus´ mindestens teilweise negativ gemeinte Charakterisierung der ungehorsamen Germanen gerne wieder auf.“ Quelle: „Die Deutschen und der Gehorsam“ von Martin Wagner
Von Hans Klumbies
