Das Trauer-Kaddisch ist ein zentraler Bestandteil des Begräbnisses

Zum ersten Mal nachgedacht hat Richard Sennett über die lebendige Gegenwart des Rituals im Zusammenhang mit Trostritualen im Judentum, seiner eigenen Religion. Die Tröstung im Judentum erfolgt nach dem Tod. Das Trauer-Kaddisch ist ein zentraler Bestandteil des Begräbnisses. Es wird am Grab gesprochen und dann zu Hause beim Tod eines Elternteils elf Monate lang, nach dem Tod eines Ehepartners oder Kindes dreißig Tage lang wiederholt. Dem Tod zum Trotz bekräftigen die Trauernden ihren Glauben an Gott. Das Kaddisch versichert, dass die Getöteten, ebenso wie die eines natürlich Todes Gestorbenen von den anderen niemals vergessen werden. Über die Jahrtausende, die das Judentum nun besteht, haben sich die korrekten Worte und Gesten des Kaddisch verändert, und sie variieren auch zwischen den verschiedenen Zweigen des Judentums. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.

Rituale stützen sich auf Mythen

Die korrekte Ausführung des Kaddisch hängt wie eine gute schauspielerische Vorstellung nicht von der moralischen Qualität des Ausführenden ab. Die Toten, denen hier gedacht wird, können ebenso gut Heilige wie Sünder gewesen sein. Richard Sennett stellt fest: „Rituale wie das Kaddisch unterscheiden sich von schauspielerischen Darbietungen zumindest in fünffacher Hinsicht. Erstens besitzen Rituale eine strenge zeitliche Ordnung. Wenn jemand stirbt, spricht man das Kaddisch genau nach den zeitlichen Vorgaben.“

Man kann das Kaddisch nicht komprimieren oder in die Länge ziehen. Es ist in zeitlicher Hinsicht nicht elastisch. Richard Sennett ergänzt: „Rituale stützen sich auf Mythen, doch Mythen sind zeitlich nicht in ähnlicher Weise festgelegt. Das griechische Wort „muthos“ bezeichnet eine Geschichte, die verschiedenen Leuten zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten in unterschiedlicher Weise erzählt werden kann.“ Die äußeren Umstände sind nicht eindeutig bestimmt.

Das Ritual ist von einer zeitlichen Strenge geprägt

Auch in zeitlicher Hinsicht ist die Erzählung des Mythos nicht festgelegt. Richard Sennett erläutert: „Wie lange in Krieg dauerte oder wie lange eine Liebe währte, kann der Geschichtenerzähler ausschmücken oder verändern, damit die Zuhörer, die den Mythos in großen Umrissen bereits kennen, nicht das Interesse verlieren.“ In der zeitlichen Strenge des Rituals findet ein grundlegender Aspekt der Kreativität seinen Ausdruck. Das griechische Wort für „machen“ lautet „poiein“, das sich übersetzen ließe mit „etwas schaffen, wo zuvor nichts war“.

Für die Darbietenden bedeutet „poiein“, dass sie in Gestik und Bewegung auf Motive und Improvisation zurückgreifen. Richard Sennett erklärt: „Da der Plot oder die Partitur in ihren Grundzügen bekannt sind und feststehen, lenken solche Abwandlungen die Aufmerksamkeit auf die kreative Präsenz der Darbietenden, ihre „Handlungsmacht“, wie man in den Kulturwissenschaften gern sagt.“ Wenn man dagegen in Ritualen wie dem Kaddisch Motive und Variationen einfügte, litte darunter die Kraft des Rituals selbst. Quelle: „Der darstellende Mensch“ von Richard Sennett

Von Hans Klumbies