Wenn das Streiten nicht auf Konsens zielt, sondern vom Prinzip der Differenz und von starken Affekten durchwirkt ist – was hält streitende Beziehungspartner, streitende Freunde, streitende Bürger dann noch zusammen? Svenja Flasspöhler erklärt: „In einer ersten Annäherung ließe sich so sagen: Damit ein Streit nicht eskaliert und die Parteien unwiederbringlich auseinandertreibt, müssen die Bindungskräfte mächtiger sein als der Vernichtungsdrang.“ Nur wenn die Anziehung stärker ist als die Abstoßung, kann das Streiten eine konstruktive Richtung nehmen. Doch ist diese Bestimmung noch nicht exakt genug. Denn auch Bindungen können destruktiv wirken, etwa, wenn sie erzwungen sind. Umkehrt kann die Bereitschaft zur Vernichtung lebensrettend sein, etwa im Akt der Selbstverteidigung. Was also lässt Menschen im Streit die Verbindung halten? Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
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Passende Bücher bei Amazon findenEros und Thanatos sind die zwei großen Gegenspielern
Eine differenziertere Antwort ermöglicht Sigmund Freud, in dessen Theorie der Antagonismus Bindung versus Vernichtung grundlegend ist. Svenja Flasspöhler erläutert: „Zentral wir das Gelingen oder Misslingen eines Streites wäre aus psychoanalytischer Perspektive das Mischungsverhältnis von Eros und Thanatos, den zwei großen Gegenspielern auf der Ebene der Triebe.“ Das Ziel des Eros ist, immer größere Einheiten herzustellen und so zu erhalten, also Bindung. Das Ziel des Todestriebs im Gegenteil ist, Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zerstören.
Eros und Thanatos, Lebens- und Todestriebe, wirken laut Sigmund Freud in aller Regel zeitgleich. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Genau so erklärt sich das Ambivalente, Rätselhafte, Verstörende, aber auch Lebendige des menschlichen Verhaltens: etwa, wenn ein und dieselbe Person geliebt und gehasst wird.“ Oder wenn ich mich streite und ein Gegenüber, dem ich mich nah fühle, argumentativ niederringen will. Sigmund Freud schreibt in seinem „Abriss der Psychoanalyse“: „Dieses Mit- und Gegeneinanderwirken der beiden Grundtriebe ergibt die ganze Buntheit der Lebenserscheinungen.“
Die Kraft des Thanatos ist bis zu einem bestimmten Grad notwendig
Sigmund Freud fährt fort: „Daran wird auch ersichtlich, dass die aggressiv trennende Kraft des Thanatos nicht nur schädlich , sondern bis zu einem bestimmten Grad notwendig ist.“ Ansonsten drohen Kitsch und Konsenszwang, Scheinheiligkeit und Einheitsbrei. Wir die Thanatos-Energie hingegen zu stark, droht der Zerfall. „Veränderungen im Mischungsverhältnis der Triebe haben die greifbarsten Folgen“, heißt es bei Sigmund Freud. Ein stärkerer Zusatz zur sexuellen Aggression führt vom Liebhaber zum Lustmörder.
Eine starke Herabsetzung des aggressiven Faktors macht ihn scheu oder impotent. Svenja Flasspöhler betont: „Unverkennbar stammen diese Beschreibungen aus einem anderen Zeitalter, doch lassen sie sich durchaus erhellend auf mediale Streitphänomene unserer Gegenwart übertragen.“ Im zeitgenössischen TV-Format Talkshow etwa zeigen sich der Typus Lustmord und der Typus Impotenz mitunter in Reinform, zumal dann, wenn die Gesprächsrunden nicht ausgewogen besetzt sind. Quelle: „Streiten“ von Svenja Flasspöhler
Von Hans Klumbies
