„Die ganze Welt ist Bühne“, sagt der „melancholische Jacques in William Shakespeares „Wie es euch gefällt“. Richard Sennett weiß: „Das ist kein neuer Gedanke. Das Bild des Lebens als Bühne oder Theater lässt sich bis in die Antike zu dem römischen Dichter Juvenal zurückverfolgen.“ Bei Juvenal heißt es: „Ganz Griechenland ist eine Bühne, und alle Griechen sind Schauspieler“, wie auch vorn bis zu dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman, der meinte, das „soziale Leben“ sei „ein Mosaik aus Darbietungen“ unterschiedlichster Art. Der Gedanke verdeckt allerdings mehr, als er enthüllt. Als Richard Sennett mit der Niederschrift eines Essays über die Gesellschaft und die darstellenden Künste begann, beherrschten diverse Demagogen die Bühne der Öffentlichkeit. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.
Autoritäre Regime führen stets ein Schauspiel auf
Donald Trump in den USA und Boris Johnson in Großbritannien sind geschickte Darsteller. Richard Sennett erklärt: „Bei bösartigen Darbietungen dieser Art werden allerdings dieselben Ausdrucksmittel eingesetzt wie bei anderen Ausdrucksformen. Bühnenaufstellung, Beleuchtung, Kostümierung sind nonverbale Mittel, die bei Darbietungen aller Art zum Einsatz kommen, ebenso wie Tempowechsel bei Sprache und Klängen oder die ausdrucksstarke Bewegung von Händen und Füßen.“
Tatsächlich ist die Darstellung einer der Künste – eine unreine Kunst. Richard Sennett rät: „Wir sollten keinesfalls versuchen, ihr krummes Holz zu begradigen, indem wir Darstellungen an die richtigen sozialen Werte ketten.“ Es war Jean-Jacques Rousseaus Gedanke, den er Mitte des 18. Jahrhunderts in seinem „Brief an d`Alembert über das Schauspiel“ darlegte, und das ist auch, was autoritäre Regime von jeher tun. Reinheit im Namen der Tugend ist zutiefst repressiv. Man sollte die Kunst in ihrer ganzen Unreinheit verstehen wollen.
Der Gott Janus eröffnete den Weg durch Zeit und Raum
Doch genauso sollte man auch Kunst schaffen wollen, die moralisch gut ist, und zwar ohne jede Unterdrückung. Ein antiker Gott zeigt, wie das gehen könnte. Wenn jemand als „janusköpfig“ bezeichnet wird, ist damit gemeint, dass er unaufrichtig ist. Richard Sennett erläutert: „Das Gesicht, das er der Welt zeigt, entspricht nicht seiner wahren Person. Die Römer sahen Janus anders. Er war ein Gott des Übergangs, des Durchgangs, der Möglichkeiten. Der erste Tag im Januar ist nach ihm benannt, weil er den Gang über eine zeitliche Schwelle markiert.“
In der Antike brachte man über Türen und Toren Plaketten mit dem Januskopf an, um den Übergang von der Straße ins Innere des Hauses zu kennzeichnen. Richard Sennett stellt fest: „Alle römischen Rituale begannen mit einem Gebet an Janus, und die Menschen hofften auf eine gute Zukunft. Er war jedoch kein Gott, der für Ruhe und Sicherheit stand.“ Als Gott der Übergänge und Verwandlungen eröffnete er den Weg durch Zeit und Raum, ließ das Ziel aber im Unbestimmten. Quelle: „Der darstellende Mensch“ von Richard Sennett
Von Hans Klumbies
