Jonathan Haidt stellt fest: „Das Smartphone, das 2007 auf den Markt kam, veränderte unser aller Leben. Wie zuvor Radio und Fernsehen eroberte es die Nation und die Welt im Sturm.“ Die Internet-Ära kam in zwei Wellen. In den 1990er-Jahren stieg sowohl die Zahl der PCs als auch die Zahl der Internetanschlüsse – damals noch mit Modem – stark an; ab 2001 waren die meisten Haushalte damit ausgestattet. Im Lauf des folgenden Jahrzehnt verschlechterte sich die psychische Gesundheit von Teenagern nicht. Teenager der Millennium-Generation, in diese ersten Welle spielend aufwuchsen, waren im Schnitt etwas glücklicher, als es Teenager der Generation X gewesen waren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Smartphones verbinden Menschen ständig mit dem Internet
Die zweite Welle war die parallel verlaufende rasche Zunahme der Social-Media- und der Smartphone-Technologie, welche die Mehrheit der Haushalte 2012 oder 2013 erreichte. Jonathan Haidt weiß: „Zu diesem Zeitpunkt begann die psychische Gesundheit von Mädchen zu kollabieren, während sich die psychische Gesundheit von Jungen in schwerer fassbarer Weise veränderte.“ Natürlich haben Teenager seit Ender der 1990er-Jahre Mobiltelefone benutzt, aber dabei handelte es sich um „einfache“ Geräte ohne Internetzugang.
Diese wurden damals oft als „Klapphandys“ bezeichnet, weil sich das beliebteste Modell mit einem schnellen Schlenkern das Handgelenks öffnen ließ. Die einfachen Handys dienten vor allem dazu, direkt eins zu eins mit Freunde und Familie zu kommunizieren. Jonathan Haidt ergänzt: „Man konnte Leute anrufen oder ihnen etwas schreiben, indem man mühsam per Daumendruck ein numerisches Keypad betätigte.“ Smartphones sind ganz anders. Sie verbinden uns vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche mit dem Internet.
Der Viertel der Teenager ist fast ständig online
Man darauf Millionen von Apps laufen lassen, und sie wurden rasch die Heimat von Social-Media-Plattformen, deren ständiges „Ping“ uns durch den ganzen Tag begleitet und uns drängt nachzuschauen, was andere gerade sagen und tun. Jonathan Haidt erklärt: „Diese Art der Konnektivität bietet wenige der Vorteile, die ein direkten Gespräch mit Freunden mit sich bringt. Tatsächlich ist sie für viele junge Leute geradezu toxisch.“ Als die Teens eigene Smartphones erhielten, konnten sie die ganze Zeit online sein, selbst außer Haus.
Als die Heranwachsenden Smartphones erhielten, begannen sie, mehr Zeit in der virtuellen Welt zu verbringen. Einer Studie zufolge von 2015, gab ein Viertel der befragten Teenager an, „fast ständig“ online zu sein. Jonathan Haidt erläutert: „Diese „Fast ständig“-Zahlen sind überraschend und könnten der Schlüssel dafür sein, den plötzlichen Kollaps der psychischen Gesundheit von Minderjährigen zu erklären.“ Das ist eine tiefgreifende Transformation des menschlichen Bewusstseins und der menschlichen Beziehungen, und sie vollzog sich bei den amerikanischen Teenagern zwischen 2010 und 2015. Quelle: „Generation Angst“ von Jonathan Haidt
Von Hans Klumbies
