Matthias Glaubrecht klagt an: „Wir sehen zu, wie unsere moderne Zivilisation den Planeten entwaldet, die Ozeane entleert und wie wir Krieg gegen die Natur führen. Wir erleben ein weiteres naturhistorisches Massensterben der Tier- und Pflanzenwelt – das sechste Artensterben, das dieses Mal allerdings menschengemacht ist. Doch immer noch verweigern wir uns dieser Erkenntnis, ignorieren wir die globale Artenkrise und schenken dem Leben um uns herum nicht ausreichend Aufmerksamkeit.“ Die Natur kämpft vielerorts auf der Erde längst ums Überleben, im Würgegriff von intensiver Landwirtschaft und einem gierigen Welthandel, vorangetrieben von Rohstoffhunger und Ressourcenverbrauch. Diese ließen eine Welt von unserer Hand entstehen, das Anthropozän oder die Menschen-Zeit. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Die Klimakrise ist eine existenzielle Bedrohung unserer Zivilisation
Damit hier gar nicht erst Zweifel aufkommen: Ohne Frage ist auch die Klimakrise real, sind die Extremwetter und ihre Folgen eine existenzielle Bedrohung unserer Zivilisation. Aber ist die Erderwärmung wirklich „das Problem unserer Zeit, vielleicht das größte Problem in der Geschichte der Menschheit“? Matthias Glaubrecht warnt: „Allein darauf zu fokussieren und unser Handeln zu fixieren, wie es gerade geschieht, ist eine fatale Fehleinschätzung und ein folgenschwerer Irrtum.“ Wir haben nicht nur mit dem Klima ein Problem, sondern auch und vor allem mit der Biodiversität.
Selbst ohne Zutun des Klimawandels gibt es ein massenhaftes Sterben der Arten. Denn die Verdrängen wir in gleich zweifacher Hinsicht. Es geht Matthias Glaubrecht nicht darum, den Klimaschutz zu negieren oder gegen die Artenkrise auszuspielen. Doch Ökosysteme wie etwa Wälder oder Wiesen sind weit mehr als nur Dienstleister der Dekarbonisierung und Hausburschen der Kohlenstoffbilanz, sie dürfen nicht einfach auf dem Altar neuer Energieformen geopfert werden.
Das Thema Artenvielfalt sollte Priorität beim Erhalt der Umwelt genießen
Das Thema Artenvielfalt muss laut Matthias Glaubrecht aus dem Schatten der Klimadebatte heraustreten, es darf nicht länger an den Rand des Diskurses um den Erhalt der Umwelt gedrängt werden. Sonst zerstören wir die Natur in der Absicht, sie zu retten. Matthias Glaubrecht fordert: „Wir müssen dazu einseitige Festlegungen infrage stellen und allgemeine Annahmen überprüfen, wie etwa jene zu den oft bemühten Konzepten der Kipppunkte des Klima- und Erdsystems und zu planetaren Belastungsgrenzen.“
Wir müssen zugleich über Maßnahmen und das bisher Erreichte im Natur- und Umweltschutz nachdenken, über die Wirksamkeit von Nationalparks und anderen Naturschutzgebieten, und schließlich auch den Fetisch der Roten Listen bedrohter Arten hinterfragen. Matthias Glaubrecht wird hier eine Lanze für Artenforscher brechen oder „Bionauten“, die Tiere und Pflanzen erkennen, erfassen und erforschen und die mittlerweile selbst schon auf einer Roten Liste stehen müssten. Quelle: „Das stille Sterben der Natur“ von Matthias Glaubrecht
Von Hans Klumbies
