Mit der politischen Korrektheit schlug man ein neues Kapitel in der Geschichte des schlechten Gewissens auf. Alain Finkielkraut erläutert: „Es war die Scham, der Bourgeoisie zu entstammen, die einst viele Intellektuelle antrieb, in die Politik zu gehen. Weil sie mit einem silbernen Löffel im Mund geboren waren, aber sich nicht damit zufriedengeben wollten, in einer ungerechten Welt das Leben zu genießen, büßten sie für ihren Wohlstand und ihre Privilegien, indem sie sich für die Proletarier engagierten.“ Nun ist jedoch der Zeitpunkt gekommen, Scham dafür zu empfinden, ein Mann zu sein. Jetzt gilt es nicht mehr, gegen das eigene Klasseninteresse zu agieren, sondern um Vergebung zu bitten für die rohen Triebe. Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.
Die Achtundsechziger waren nicht niederträchtig
Der reuige Mann bemüht sich, braver zu begehren, sanfter, und der Frau die Misshandlung der Penetration zu ersparen. Wenn diese Erotik-Scham Schule machen würde, wäre dies kein Sieg des Feminismus, sondern für die Frauen eine sehr schlechte Nachricht. So etwas verlangen sie gar nicht. Zum Liebesakt gehört zwar Behutsamkeit, aber auch eine gewisse Gewalt. Alain Finkielkraut schämt sich keineswegs dafür, ein Mann und heterosexuell zu sein. Sondern er ist dankbar dafür, dass er die Möglichkeit hat, in der Frau eine Verschiedenheit zu erkennen, ein Anderssein, das sich auch in der körperlichen Vereinigung nicht aufheben lässt.
Nicht dass Alain Finkielkraut von besonderer Sehnsucht nach seiner Jugend als Spätachtundsechziger erfüllt wäre; aber er schämt sich nicht dafür: „Wir folgten mit den uniformen langen Haaren einem gewissen Herdentrieb, aber deswegen waren wir nicht niederträchtig. Wir hatten eine Moralvorstellung, die Jacques Lacan glänzend zusammengefasst hat.“ Jacques Lacan schrieb: „Das Einzige, dessen man, wenigstens in analytischer Sicht, schuldig sein könne, sei abgelassen zu haben von seinem Begehren.“
Eine erfüllte Sexualität führt zu einer friedlichen Gesellschaft
Das moralische Übel sah man damals als Verzicht. Diese Generation hielt dem, was im Verhalten und in der Lebensweise der vorausgehenden Generation noch im Licht des Sündenfalls gesehen wurde, die Unschuld des sinnlichen Verlangens entgegen. Nach dem Vorbild der Flower-Power-Bewegung skandierten sie den Slogan: „Make love, not war!“ Sie waren der Meinung, nur eine erfüllte Sexualität könne den Umgang der Menschen in der Gesellschaft friedlich gestalten.
Und diese Generation sah – wie Herbert Marcuse – ihren Platz ganz naiv in einer Zukunft ohne sexuelle Unterdrückung. Niemand hat den Geist dieser Epoche besser zusammengefasst als Annie Ernaux in „Die Jahre“: „Die Schamgefühle von gestern gerieten aus der Mode. Man spottete über den jüdisch-christlichen Schuldkomplex und das sexuelle Elend, und frigide war eine beliebte Beleidigung. Die Zeitschrift „Parents“ brachte Frauen bei, mit gespreizten Schenkeln vor dem Spiegel zu masturbieren.“ Quelle: „Vom Ende der Literatur“ von Alain Finkielkraut
Von Hans Klumbies
