Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Zukunft keine ferne Zeit ist, sondern das, was die Menschen heute über sie denken, fühlen und tun. Florence Gaub ergänzt: „Studien belegen, wie viel der Mensch über die Zukunft nachdenkt – viel –, wie weit er in die Zukunft reist – nicht sehr weit – und dass dies sein Wohlbefinden steigert.“ Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass eine Zukunft umso wahrscheinlicher wird, je mehr man sie sich vorstellt. Das ist nicht nur Pop-Psychologie: Sobald das Gehirn auf ein Ziel fixiert ist, filtert es alles andere auf dem Weg dorthin heraus. Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass das Gehirn keinen Unterschied zwischen der täglichen Zukunft und der des Planeten macht. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.
Negative und positive Zukünfte sollten sich im Idealfall die Waage halten
Menschen sind zu beidem fähig, wenn sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten. Nur sind sich die meisten dessen nicht bewusst. Florence Gaub fügt hinzu: „Der letzte Grund, warum sich viele so selten in die ferne Zukunft wagen, ist ein aktueller: Die Zukunft ist heute keine besonders gute.“ Allen voran westliche Gesellschaften haben dieses Problem aus zwei Gründen: Erstens gibt es gleich mehrere negative Zukünfte, und zweitens ist die positive Zukunft von früher nicht mehr erstrebenswert, quasi abgelaufen.
Das ist deshalb ein Problem, weil negative und positive Zukünfte sich im Idealfall die Waage halten sollten, aber wenn die eine überwältigend dominiert und die andere auffallend abwesend ist, führt dies zu einer negativen Gesamtsumme. Florence Gaub erklärt: „Die negativen Zukünfte kennen wir alle: Klimawandel, mögliche Auswirkungen von künstlicher Intelligenz und Robotik, sich rapide verändernde Normen und Werte der Gesellschaft, drohender Atomkrieg, schrumpfende Gesellschaft, Artenverlust, Pandemien – um nur einige zu nennen.“
Negative Zukünfte scheinen von unkontrollierten Kräften gesteuert zu sein
Diese Zukunftsszenarien sind nicht nur negativ, sondern auch existenziell, was heißt, sie drohen die Art und Weise, wie Menschen leben und arbeiten, unwiderruflich zu verändern, gefährden gar die Existenz, und sie betreffen ein große Zahl von Menschen. Florence Gaub stellt fest: „Was diese negativen Zukünfte aber vor allem gemeinsam haben, ist, dass sie oft so wahrgenommen werden, als wären sie außerhalb unserer Reichweite und würden von anderen, unkontrollierbaren Kräften gesteuert.“
Sobald Menschen das Gefühl haben, dass eine Zukunft außerhalb ihres Einflussbereiches liegt, ist sie nicht mehr der Möglichkeitsraum, den sie gestalten, sondern etwas, dem sie hilflos ausgeliefert sind – und damit ähnelt sie der antiken Vorstellung von der Zukunft als etwas, das willkürliche Götter entscheiden. Florence Gaub weiß: „Vielleicht ist es auch deshalb passend, dass es als Kassandra-Komplex bezeichnet wird, wenn wir angesichts zu viel negativer Zukunft einfach den Kopf in den Sand stecken.“ Quelle: „Zukunft“ von Florence Gaub
Von Hans Klumbies
