Das mittlere Lebensalter stellt den Inbegriff des Menschseins dar

Die Rede vom „Erfolg“ beim Altern ist nicht unproblematisch, denn sie suggeriert, dass der Alterungsprozess allein eine Frage der eigenen Verantwortung ist. Barbara Schmitz stellt fest: „Dabei wird ausgeblendet, dass ich nicht alles in der Hand habe, was mein Altern betrifft. Dies gilt insbesondere auch für Demenz, die als „erfolgloses Altern“ stigmatisiert werden kann, was dann wiederum Scham bei den Betroffenen erzeugen kann.“ Hinter dem Bild vom erfolgreichen Altern steckt im Grunde ein Idealbild vom Menschen. Der Gerontologe Andreas Kruse hat darauf hingewiesen, dass in unserer Gesellschaft der Mensch im mittleren Lebensalter, also zwischen 30 und 60, den Inbegriff des Menschseins darstellt. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.

Das Alter ist zu einem Massenphänomen geworden

Vom Menschen im Alter fordert man, dass er diese Leistungsfähigkeit aufrechterhalten und denselben Grad an Aktivität beibehalten soll, wie sie ein 40-jähriger hat. Schritt halten, flexibel sein, sich anpassen. Barbara Schmitz kritisiert: „Ausgeblendet wird dabei, dass viele Menschen gerade im mittleren Lebensalter bereits Schwierigkeiten haben, in einer beschleunigten Welt Schritt zu halten, in der die Flexibilität mitunter auch Zwang zu Anpassung und emotionaler Ungebundenheit bedeutet.“

Ein weiteres Bild bezieht sich auf die gesellschaftliche Stellung und die Kosten des Altwerdens. In Diskussionen taucht oft das Argument auf, der alte Mensch sei Last und Bürde für die Gesellschaft. Barbara Schmitz ergänzt: „Da immer mehr Menschen eine hohe Lebenserwartung haben, ist das Alter zu einem Massenphänomen geworden. Und da die Pflege der alten Menschen Geld kostet, scheinen alte Menschen in emotionaler wie in ökonomischer Hinsicht eine Last für die Gesellschaft zu sein.“

Allgemein stellt bereits das Alter ein Defizit dar

Bei Demenz gilt dies im besonderen Maße: Viele sind der Meinung, Menschen mit Demenz seinen in einer Welt, die auf Effizienz und Effektivität setzt, nutzlos. Das führt laut Barbara Schmitz dazu, dass diejenigen, welche die Diagnose Demenz erhalten, sich fragen müssen: Was ist mein Wert? Was kann ich geben? Was ist mein Beitrag? Was mute ich anderen zu? Vor dem Hintergrund dieser Altersbilder ist es nicht erstaunlich, wie man Demenz dämonisiert.

Barbara Schmitz betont: „Wenn bereits das Alter allgemein ein Defizit darstellt, das nur durch Anti-Aging bekämpft werden kann und zudem alten Menschen ein Last und Bürde für alle anderen in der Gesellschaft sind, so stellt Demenz quasi die Steigerung des Alters, das absolute Defizit, die größte Bürde für andere überhaupt dar.“ Um Demenz zu entdämonisieren, ist es wichtig, sich in einem ersten Schritt mit Altersbildern auseinanderzusetzen und eine positivere Sicht auf den Altersprozess aufzuzeigen. Quelle: „Was ist ein lebenswertes Leben“ von Barbara Schmitz

Von Hans Klumbies