Fabian Scheidler blickt zurück: „Als sich die modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert in Europa entwickelten, vollzog sich gerade ein systematischer Umbruch, der in seiner Bedeutung nur mit der neolithischen Revolution – also der Entstehung der Landwirtschaft – vor etwa 10.000 Jahren und der Formation der ersten Herrschaftsapparate und Staaten vor 5.000 Jahren zu vergleichen ist.“ Es war die Geburt dessen, was man später das moderne, kapitalistische Weltsystem genannt hat. In jahrhundertelangen Kämpfen untereinander und gegen die bäuerliche Bevölkerung hatten Handelsmagnaten, Bankiers, Landesherren, Rüstungsfabrikanten, Großgrundbesitzer und Teile der Kirche ein System hervorgebracht, das vollkommen neu in der menschlichen Geschichte war. Es sollte sich als das produktivste und dynamischste, aber auch gefährlichste und gewalttätigste Gesellschaftssystem erweisen, das Homo sapiens je geschaffen hat. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Der Kern dieses neuen Systems ist die Vermehrung von Kapital
In wenigen Jahrhunderten eroberte es den gesamten Globus und wurde so zur ersten weltumspannenden Zivilisation. Und zur ersten Zivilisation, die in der Lage ist, den Planten zu zerstören. Fabian Scheidler erklärt: „Der Kern dieses neuartigen Systems ist die endlose Vermehrung von Kapital in einem ununterbrochenen Zyklus von Profit und Reinvestition. Darin unterscheidet es sich grundlegend von anderen historischen Herrschaftsordnungen wie etwa dem Römischen Reich oder chinesischen Großreichen.“
Das Prinzip endloser Akkumulation ist in mächtigen Institutionen verankert, darunter Aktiengesellschaften und Bankhäusern, deren einziger Zweck darin besteht, eingelegtes Kapital zu vermehren, egal mit welchen Mitteln. Fabian Scheidler stellt fest: „Heute kontrollieren die multinationalen Konzerne, die nach diesem Prinzip organisiert sind, etwa 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und zwei Drittel des Welthandels.“ Die zweite tragende Säule dieser neuen Ordnung war der modernen Militärstaat, der sich seit dem 16. Jahrhundert coevolutionär mit den wirtschaftliche Machtstrukturen entwickelte.
Militarisierte Staaten und privates Kapital waren untrennbar verbunden
Für ihre immer größeren Söldnerheere und Feuerwaffen brauchten die Landesherren enorme Mengen an Kapital, das ihnen die Händler und Bankiers als Kredit zur Verfügung stellten. Fabian Scheidler ergänzt: „Das „return on investment“ der Kreditgeber wiederum wurde aus den Raubzügen der von ihnen finanzierten Heere bestritten. Militarisierte Staaten und privates Kapital waren auf diese Weise von Anfang an untrennbar verflochten.“ Dieses System war und ist auf permanente ökonomische und militärische Expansion angewiesen, um das angelegte Kapital zu vermehren.
Die von Europa ausgehende Kolonisierung der Welt war daher eine systemische Notwendigkeit, um die Maschinerie der Akkumulation in Ganz zu halten. Fabian Scheidler erläutert: „Diese Entwicklung hatte erhebliche Auswirkungen auf die Geburt der modernen Naturwissenschaften, ja, es gibt gute Gründe für die Annahme, dass sie ohne die kapitalistischen Kriegsökonomie in dieser Form gar nicht entstanden wären.“ Denn Händler, Bankiers und Landesherren brauchten für ihre Unternehmungen Technologie, zumal sie stets fürchten mussten, von der Konkurrenz überrollt oder verdrängt zu werden. Quelle: „Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler
Von Hans Klumbies
