Die Weiten des Internets verwandeln sich seit geraumer Zeit von einer Spielwiese für Individualisten in eine Zone des sozial erzwungenen Konformismus. Die digitale Öffentlichkeit wirkt immer öfter wie eine spießige Ansammlung von Gardinenspähern. Pauline Voss zieht für dieses Phänomen einen Vergleich heran: „Michel Foucault bezeichnete diese sozialen Dynamiken als „Panoptismus“. Er orientierte sich dabei am britischen Philosophen Jeremy Bentham, der im 18. Jahrhundert das sogenannte Panopticon als ideales Gefängnis entwarf.“ Ein Überwachungsturm in der Mitte eines ringförmigen Gebäudes ermöglicht den Wärtern Einsicht in alle Zellen. Die Gefangenen jedoch haben keine Einsicht in den Turm der Wärter. Jeremy Bentham, schreibt Michel Foucault in seinem Buch „Überwachen und Strafen“, habe „das Prinzip aufgestellt, dass die Macht sichtbar, aber uneinsehbar sein muss“. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.
Das Panopticon bildet modellhaft die Machtstrukturen der Gesellschaft ab
Der Druck, den die permanente Sichtbarkeit und die damit einhergehende potenzielle Überwachung auf den Gefangenen ausüben, führt viel effizienter zu seiner Unterwerfung, als ihn in ein dunkles Kerkerloch einzusperren. Michael Foucault schreibt: „Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung.“
Pauline Voss erläutert: „Das Panopticon ist für Michel Foucault aber viel mehr als ein bloßes Gefängnis. Es bilde modellhaft die Machtstrukturen der Gesellschaft ab.“ Foucault schreibt, dass die Mechanismen der Sichtbarkeit des Einzelnen und seiner Überwachung nach und nach die Institutionen und ihre Mitglieder diszipliniert hätten, etwa in Krankenhäusern, in Irrenanstalten, in Schulen, beim Militär und der Polizei, im Verhaltungsapparat. Am Ende dieses Prozesses stehen für Michel Foucault die modernen Disziplinierungsgesellschaften.
Die Digitalisierung hat die Privatsphäre in den öffentlichen Raum verlagert
Den Regeln des Panoptismus unterliegt auch das Internet. Pauline Voss erklärt: „Der Druck der Sichtbarkeit hat sich im Alltag erhöht, seitdem sich ein Teil der Privatsphäre durch die Digitalisierung in den öffentlichen Raum verlagert hat. Zwar entsteht diese Sichtbarkeit nicht unter gesetzlichem Zwang, wie es im Gefängnis der Fall ist, denn es ist theoretisch möglich, sich dem digitalen Raum zu entziehen.“ Dennoch ist der Druck, sich sichtbar und damit für die Öffentlichkeit verfügbar zu machen, groß.
Dies trifft besonders auf junge Menschen zu: Wer sich digital isoliert, isoliert sich auch sozial. Während wir uns also zeigen, freiwillig die eigene Sichtbarkeit gewährleisten, sind wir der Silhouette des Wachturms gewahr. Pauline Voss ergänzt: „Die Überwachung ruft uns ins Bewusstsein, sobald jemand gegen die Regeln der politischen Korrektheit verstoßen hat und sein Verhalten öffentlich angeprangert wird.“ In den Netzwerken verbreiten sich die Namen der Regelbrecher als Schlagwort und werden in den „Trends“ gelistet, als würde nach ihnen gefahndet. Quelle: „Generation Krokodilstränen“ von Pauline Voss
Von Hans Klumbies
