Das Alimalische des Menschen geht in der Zivilisation verloren

Wolfgang Schmidbauer schreibt: „Das Animalische fundiert zwar unser Leben, aber in der Zivilisation gelingt es oft nicht mehr, diese Grundlage ernst zu nehmen und zu festigen. Erst wenn wir sie verloren haben, erschrecken wir.“ Ein Tier erlebt eine konstante Welt, in der die Grenzen der Fürsorge instinktiv und emotional gezogen wird. Der Mensch dagegen betritt das gefährliche Gebiet des Richtigen, des Rechtmachens, des Perfektionismus. Zum Beispiel will eine Bäuerin eine gute Mutter sein, indem sie ihrem Kind ein Leben als Akademikerin ermöglicht. Dabei ahnt sie allerdings nicht, wie schwer es ihre Tochter als Aufsteigerin aus einer bildungsfernen Schicht haben wird, sich in der Stadt zurechtzufinden und ihre Liebesbeziehungen selbstbewusst zu gestalten. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.

Man sollte die Trauer über ein tragisches Scheitern zulassen

Wer solche Szenen ohne Parteinahme betrachtet, kann die Trauer über ein tragisches Scheitern zulassen. Wolfgang Schmidbauer erklärt: „Die Mutter hat das Beste gewollt, die Tochter hat es angestrebt, die Therapeutin wollte ihr helfen, und doch ist das Ergebnis eine Quälerei.“ Warum können nicht zwei erwachsene Frauen mit unterschiedlichen Lebenswelten zusammensitzen und sich, so gut es gehen will, darüber austauschen, wie sich die Welten gerade anfühlen? Darüber sollten sie aber niemals vergessen, dass es lustvoll ist, zusammen zu sein, nicht zu frieren oder zu schwitzen, Gutes zu essen und zu trinken.

Wer solche Gedanken an eine der beteiligten Personen heranträgt, sollte damit rechnen, dass sofort die Frage kommt: Wie mache ich das, wie finde ich zu diesen Gefühlen? Wolfgang Schmidbauer ergänzt: „Ich wäre gern anders, ich würde gern gelassen bleiben, Dutzende Male habe ich schon gehört, ist sollte genussfähig werden, aber das nützt mir nichts, nach solchem Zureden geht es mir eher noch schlechter, weil ich mich als Versagerin fühle!“ Willkommen in einer Welt, die uns das Dilemma aufgenötigt hat, die Orientierung an Lust und Unlust dem gesellschaftlichen Fortschritt zu opfern.

Das Unberechenbare kann richtig oder falsch sein

Wir sind aber nicht ganz verloren, es ist auch nicht notwendig, um die ganze Welt herumzulaufen, um den Hintereingang zum Paradies zu finden, wie Heinrich von Kleist vorgeschlagen hat. Wolfgang Schmidbauer betont: „Das Alimalische ist in uns erhalten, mit ein wenig Geduld werden wir es wiederfinden und ausbauen können.“ Es geht unter anderem um den Umgang mit dem Unberechenbaren, von dem wir nicht wissen, ob es richtig ist oder falsch.

Die Zerstörung der animalischen Sicherheiten ist den Menschen geschehen, ohne dass sich ein Täter dingfest machen lässt. Wolfgang Schmidbauer erläutert: „Den Verlust an sich haben Schriftgelehrte und Dichter schon immer beklagt, als ahnten sie und wüssten doch nicht, dass es ihre Zunft ist, die dazu beigetragen hat.“ Seit es Aufzeichnungen über das Richtige und das Falsche gibt, ist etwas Drittes und an sich Fremdes in das Animalische getreten; die damit verbundenen psychischen Phänomen lassen sich als Gegensatz von Liebe und Narzissmus fassen. Quelle: „Böse Väter, kalte Mütter?“ von Wolfgang Schmidbauer

Von Hans Klumbies