Daniel Schreiber erklärt: „In den vergangenen Monaten hatte sich immer häufiger eine Einsicht eingestellt, die ich fast körperlich spürte, eine Einsicht, die ich versuchte von mir fernzuhalten, obwohl mir das nur selten gelang. Sie gehörte zu jenen Dingen in meinem Leben, von denen ich eigentlich so wenig wie möglich wissen wollte.“ Auch jetzt wehrte sich Daniel Schreiber dagegen. Am besten ließ sich diese Einsicht als umfassende Desillusionierung beschreiben. Er fühlte sich in der Gesellschaft, in der er lebte, immer weniger zuhause. Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit eingehenden Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.
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Passende Bücher bei Amazon findenHannah Arendt sammelte in ihrem „Denktagebuch“ philosophische Gedanken
Ein paar Wochen zuvor war Daniel Schreiber bei der Lektüre von Hannah Arendts „Denktagebuch“ auf einen kurzen Eintrag gestoßen, der eine ähnliche Einsicht zum Ausdruck bringen schien. Er bestand aus einer einzigen Frage: „Amor Mundi – warum ist es so schwer, die Welt zu lieben?“ Die Philosophin selbst hatte ihr Arbeitsjournal, das sie zwischen 1950 und 1973 führte, nicht „Denktagebuch“ genannt, doch es war genau das: eine Sammlung täglicher, häufig philosophischer Gedanken.
Diese waren weniger von persönlichen Gedanken geleitet, als dass sie rohe Bausteine für spätere Publikationen bildeten, für Aufsätze und Bücher, die sie veröffentlichen würde, aber auch welche, die nie entstanden und die sie vielleicht geschrieben hätte, wenn ihr ein längeres Leben beschieden gewesen wäre. Am meisten faszinierten Daniel Schreiber darin die wiederkehrenden Aufzeichnungen zum Wesen der Liebe und ihrer möglichen politischen Kraft. Liebe und speziell die Liebe zur Welt waren Themen, mit denen sich Hannah Arendt zeit ihres Lebens auseinandersetzte.
Durch Liebe kann man die Welt weder ändern noch retten
Dabei entstanden Überlegungen und Gedankengänge, die aufeinander aufbauten und sich komplettierten, sich aber auch widersprachen. Daniel Schreiber ergänzt: „Immer wieder betrachtete sie diese Themen aus verschiedenen Perspektiven. Gleich in ihrem ersten Buch, ihrer Dissertation, hatte sich Arendt mit dem Liebesbegriff bei Augustinus auseinandergesetzt und die Frage erörtert, ob dessen Verständnis von Nächstenliebe Gemeinschaft stiften kann.“
In einem Aufsatz zur Politik der Welt als ein Produkt des menschlichen „amor mundi“, die Liebe des Menschen zur Welt, rückte Hannah Arendt die Fürsorge für nachfolgende Generationen ins Zentrum des politischen Handelns. In ihrem Hauptwerk „Vita activa“ oder „Vom tätigen Leben“ machte sie unmissverständlich klar, dass ihr „alle Versuche, die Welt durch Liebe zu ändern oder zu retten, als hoffnungslos verlogen“ erschienen. Von der Liebe und der Liebe zu Welt schien für Hannah Arendt eine grundlegende politische Kraft auszugehen, doch dieser Kraft begegnete sie mit großer Skepsis. Quelle: „Liebe! Ein Aufruf“ von Daniel Schreiber
Von Hans Klumbies
