Cordelia Fine greift populäre Geschlechtermärchen frontal an

Viele bekannte Bestseller aus der Populärwissenschaft behaupten, dass Frauen und Männer unterschiedliche Gehirne hätten und deshalb unterschiedliche Begabungen entwickeln würden. Cordelia Fine entlarvt in ihrem neuen Buch „Die Geschlechterlüge“ wissenschaftliche Untersuchungen, die vor Fehlern nur so strotzen, oberflächlich falsch analysierte Forschungsergebnisse und vage Beweise zu angeblichen Tatsachen. Sie offenbart dem Leser, wie stark das Leben von Frauen und Männern von der tückischen Macht der Stereotypen beeinflusst wird. Denn Vorurteile können menschliche Handlungen bestimmen, auch wenn der Betroffene dies nicht möchte. Doch das Gehirn des Menschen entwickelt sich laut Cordelia Fine vor allem durch psychologische Einflüsse, Erlebnissen und der Arbeit mit Kopf und Hand. Deshalb gilt ihrer Meinung nach sowohl für Frau als auch für Mann: Alles ist möglich!

Frauen sind am Arbeitsplatz Feindseligkeiten und sexuellen Belästigungen ausgesetzt

Dennoch scheinen Frauen vor allem am Arbeitsplatz auch heute noch diskriminiert und schikaniert zu werden. Noch schlimmer: Nach Expertenmeinung sind zwischen 35 und 50 Prozent aller Frauen irgendwann während ihrer beruflich aktiven Zeit Opfer sexueller Belästigung. Die Feindseligkeiten, der Sexismus und die Demütigungen, mit denen Frauen an ihren Arbeitsplätzen immer wieder konfrontiert sind, lassen laut Cordelia Fine nur den einen Schluss zu, dass die alten Ideen über die Bereiche, wo Frauen hingehören und wo nicht, immer noch in vielen männlichen Köpfen herumspuken.

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Auch im Haushalt ist die Rolle der Frau in den meisten Ehen eindeutig die schlechtere. In Familien mit Kindern, in denen beide Ehepartner voll berufstätig sind, kümmern sich gemäß Cordelia Fine die Frauen ungefähr doppelt soviel um die Kinder und den Haushalt wie die Männer. Die Soziologin Arlie Hochschild hat diesen unhaltbaren Zustand als „zweite Schicht“ bezeichnet. Im Deutschen ist ihr Standardwerk unter dem Titel „Der 48-Stunden-Tag“ erschienen.

Die Gender-Ungleichheit ist ein Konstrukt des Denkens

Kinder werden in eine Welt hineingeboren, in der die Geschlechtszugehörigkeit ständig durch Bekleidungsvorschriften, Auftreten, Sprache, Farben und Symbole hervorgehoben wird. Cordelia Fine schreibt: „Die gesamte Umgebung des Kindes verweist darauf, dass es sehr wichtig ist, ob man ein Mann oder eine Frau ist.“ Die Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit wird den Kindern auch über die Sozialstrukturen und Medien vermittelt. Dies geschieht allerdings nach wie vor in ziemlich altmodischen Bahnen.

Das menschliche Denken, die Gesellschaft und der sogenannte Neurosexismus bestimmen die geschlechtlichen Unterschiede. Zusammengenommen entsteht aus ihnen das Konstrukt Gender. Die Gender-Ungleichheit, die viele Menschen immer noch sehen, ist nur in ihrem Kopf. Doch Cordelia Fine ist fest davon überzeugt, dass diese Konstruktion kein Gebilde ist, das der Mensch nicht auflösen könnte. Sie ist flexibel, sie ist formbar, Mann und Frau können sie verändern.

Die Geschlechterlüge
Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann
Cordelia Fine
Verlag: Klett-Cotta
Broschierte Ausgabe: 475 Seiten, Auflage: 2012
ISBN: 978-3-608-94735-9,  21,95 Euro
Von Hans Klumbies