Durch Morgenrituale tanken die Menschen Kraft für den Tag

Gewohnheiten sind eine alltägliche Übung, die jedem Tag eine Struktur verleiht. Viele Menschen setzen sich gerne an denselben Platz an einem Ort, den sie öfter besuchen und bestellen sich vorzugsweise das Gleiche in einem Restaurant. Sie sind froh, wenn sie die gleichen Dinge immer wieder tun können. Die meisten Menschen haben Morgenrituale, mit denen sie den Tag beginnen. Durch sie tanken Sie Kraft für einen langen Tag. Denn aufgepasst, ein Tag kann sich wirklich ganz schön in die Länge ziehen. Der Philosoph Clemens Sedmak, der unter anderem eine Professur am Londoner King´s College innehat, erklärt: „Am Anfang eines Tages liegt ein weißes Blatt vor einem Menschen, der dieses Papier dann Stunde um Stunde füllt.“ Jeder Tag ist eine Welt für sich. „Jeder Tag hat seine eigene Plage“, heißt es in der Bergpredigt.

Jeder Tag ist der Beginn des restlichen Lebens

Das menschliche Leben ist eine Abfolge von Tagen, wobei jeder Tag eine vollständige Einheit darstellt. Jeder Tag ist somit der Beginn des restlichen Lebens. Diese Tatsache gewinnt mit fortschreitendem Alter oder angesichts einer Grenze an Brisanz. Ein Blick auf Gewohnheiten bringt laut Clemens Sedmak eine neue Achtung vor einem Tag mit sich: „Wir haben nur den heutigen Tag; der gestrige Tag ist vergangen und verloren; der morgige Tag ist noch nicht da und noch im Nebel; wenn wir unser Leben in die Hand nehmen und gestalten wollen, dann am heutigen Tag. Jetzt.“

Gewohnheiten ermöglichen den Übergang von „Tag“ zu „Alltag“. Alltag ist das, was dem Leben Halt und Struktur gibt. Alltag ist die Gesamtheit der sich täglich wiederholenden Abläufe und der Inbegriff dessen, was die Menschen als „gewöhnlich“ betrachten. Clemens Sedmak fügt hinzu: „Damit ist der Begriff des Alltags widersprüchlich – er steht einerseits für das Vertraute, Kontinuierliche, Graue des stets Gleichen. Die Frage „Ist heute etwas Besonderes vorgefallen?“ zielt auf Außeralltäglichkeit hin. Die ungarische Soziologin Agnes Heller hat hingegen den Zusammenhang zwischen Alltag und Kreativität beziehungsweise Fortschritt betont.

Der Alltag strukturiert das Leben

Agnes Heller war in ihrem Denken von der Überzeugung geleitet, dass die großen Leistungen einer Kultur aus Herausforderungen, Problemen, Konflikten und Bedürfnissen des täglichen Lebens herrühren. Die Menschen bemühen sich im Leben darum, einen Alltag zu schaffen, eine Lebenswelt alltäglicher Lebenspraxis. Der Alltag und die Bewältigung desselben strukturieren das Leben. Clemens Sedmak ergänzt: „Alltag hat mit Normalität, Erwartbarkeit, Vorhersagbarkeit, verlässlicher Wiederholung zu tun.“

Die Fähigkeit zur Bewältigung des Alltags wiederum sagt sehr viel über die seelische und soziale Gesundheit eines Menschen aus, über sein Vermögen, das Leben mit seinen Anforderungen zu bewältigen. Clemens Sedmak weist darauf hin, dass es in der sozialen Welt das Phänomen der „erschöpften Familien“ gibt. Es handelt sich dabei um Familien, die den Alltag nicht mehr bewältigen, sondern von ihm überwältigt werden. Sie öffnen beispielsweise keine Post mehr, schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule, kochen nicht mehr und gehen auch nicht mehr zum Einkaufen.

Von Hans Klumbies

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