Die Wirtschaftswissenschaft verliert immer mehr an Ansehen

Christian Felber stellt in seinem neuen Buch „This is not economy“ Grundsatzfragen nach den Wurzeln der Wirtschaftswissenschaft und den Gründen ihrer fundamentalen Verirrungen. Und er macht einen konkreten und konsistenten Vorschlag für eine ganzheitliche Wirtschaftswissenschaft. Über der Einleitung steht der Satz von Paul Krugman: „Moderne Makroökonomie ist bestenfalls spektakulär nutzlos und schlimmstenfalls klar schädlich.“ Christian Felber schließt daran mit einem Kernwiderspruch der Wirtschaftswissenschaften an: Der Mainstream der Forschung glaubt tatsächlich, dass die neoklassische Ökonomik eine wertfreie Wissenschaft sei. Das ist seiner Meinung nach nicht nur eine mächtige Selbst- und Publikumstäuschung, denn wenn das eigene Wertesystem nicht transparent gemacht wird, handelt es sich um Ideologie. Umso mehr, wenn damit die bestehende Ordnung legitimiert wird, anstatt dringend benötigte Alternativen zu entwickeln. Christian Felber lebt als Autor in Wien.

Die Mainstream-Ökonomie wird auch kommende Krisen nicht vorhersehen können

Christian Felber fordert und kritisiert: „Kritikoffenheit, Selbstreflexion und Demut stünden der Wirtschaftswissenschaft jetzt gut zu Gesicht. Der neoklassische Mainstream war nicht nur unfähig die Finanzkrise vorherzusehen, er hat sich grundlegend verrannt.“ Als Irrwege nennt Christian Felber den Fokus auf Finanzkennzahlen, den Wachstumsfetischismus, die Mathematisierung und das absurde Menschenbild. Diese Fehlentwicklungen tragen zum sinkenden Ansehen der Zunft in der Bevölkerung bei.

Die Bevölkerung erwartet von den Wirtschaftswissenschaftlern Antworten auf die brennenden Fragen der Gegenwart wie Arbeitslosigkeit, Ungleichheit, Machtkonzentration, Klimawandel, Artensterben, Demokratieerosion, Sinnverlust und vieles mehr. Christian Felber prognostiziert, dass die Mainstream-Ökonomie nicht in der Lage sein wird, kommende Krisen vorherzusehen. Das Studentennetzwerk „International Initiative for Plural Economics (ISIPE) fordert deshalb: „Die Ökonomie muss wieder in den Dienst der Gesellschaft gestellt werden.“

Die Ökonomie sollte dem Gemeinwohl dienen

Christian Felber stellt klar, dass es nicht nur eine ökonomische „Denkweise“ gibt, sondern viele. Er existiert eine Pluralität von Theorien, Methoden und Erkenntnisweisen sowie Wirtschaftspraktiken. Der Markt ist nur eine davon, und er muss sich genauso den demokratischen Spielordnungen unterordnen wie alle anderen. In seinem Buch kritisiert Christian Felber vor allem den Mainstream der Wirtschaftswissenschaften, der sich zum Großteil, wenn nicht zur Gänze, mit der Neoklassik deckt. Zum Glück gibt es eine reichhaltige Pluralität heterodoxer und anderer alternativer Ansätze – ihnen ist dieses Buch mit gewidmet.

Wirtschaftliche Tätigkeiten sind in die Kontexte Demokratie, Gesellschaft, Kultur und Ökologie eingebettet und dienen der Befriedigung der Grundbedürfnisse und der Erfüllung aller Grundwerte: dem Gemeinwohl. Die rechtlichen Spielregeln schützen diese Ziele und benachteiligen ihre Schädigung. Eigentum ist nicht Zweck, sondern Mittel. Auch Geld und Kapital sind Mittel, die alle der Erreichung der übergeordneten Ziele dienen. Die Ungleichheit ist begrenzt, das Wirtschaften findet innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten statt. Ob diese Visionen eines Wirtschaftens zum Wohl aller oder für ein gutes Leben für alle jemals erreicht werden, steht in den Sternen. Aber ohne Visionen ist alles nichts.

This is not economy
Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft
Christian Felber
Verlag: Deuticke
Broschierte Ausgabe: 302 Seiten, Auflage: 2019
ISBN: 978-3-552-06402-7, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies

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