Neurotizismus bezeichnet die Neigung zur Nervosität, Ängstlichkeit und Besorgtheit. Heidi Kastner ergänzt: „Menschen mit ausgeprägtem Neurotizismus reagieren oft heftig auf äußere Stimuli, solche mit einem geringen Wert auf der Neurotizismus-Skala sind eher gelassen und in sich selbst ruhend.“ Der Choleriker in Reinform wäre demnach eine Mischung der Faktoren Extraversion und emotionale Instabilität, wobei Letzteres die rasche Auslenkbarkeit der Stimmung und ersteres die Hemmungslosigkeit benennt, mit der die jeweilige Stimmung auch an anderen ausgelebt wird. Ohne weitere charakterliche Beimischung mögen Choleriker zwar unangenehm sein, zu fürchten sind sie in der Regel nicht. Ungünstiger Weise kann aber ein jähzorniges Temperament mit anderen Charaktereigenschaften auftreten, was die Sache wesentlich problematischer macht. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
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Passende Bücher bei Amazon findenDer jähzornige Narzisst ist egoistisch und rücksichtslos
Heidi Kastner weiß: „Äußerst unangenehm ist der jähzornige Narzisst: ein Mensch, unfähig, die anderen auch nur ansatzweise als gleichwertig wahrzunehmen, dauernd bestrebt, seine Machtposition auszubauen.“ Der jähzornige Narzisst ist zudem egoistisch, rücksichtslos, mit ausuferndem Anspruch auf Unterordnung und Anerkennung seitens der anderen. Er mag zwar in der tobenden Version berufliche Konkurrenzsituationen eine Zeit lang leichter für sich entscheiden können, als Vorgesetzter regiert er allerdings nur über die Angst seiner Mitarbeiter.
Der jähzornige Narzisst macht kompetente andere mundtot, beraubt sich so ihrer Kreativität und Loyalität und wird am Ende des Tages nur eine Schar devoter, eingeschüchterter, fantasieloser Jasager um sich versammeln können. Dies bringt unweigerlich Stillstand und Erfolglosigkeit – und damit noch mehr Wutausbrüche und noch frenetischer Suche nach Bewunderung – mit sich. Heidi Kastner fügt hinzu: „Fritz Riemann beschreibt diese Personen, denen er eine stärkere Ausprägung hysterischer Züge zuschreibt, als unerträgliche Dauerinszenierer.“
Vor einem jähzornigen und narzisstischen Chef hilft nur noch die Flucht
Sie setzen die Aggression für ihren Geltungsdrang ein. Außerdem zeichnen sie sich durch Selbstglorifizierung und eine ungemein reizbare Empfindlichkeit gegen narzisstische Kränkungen, Angeberei und unersättliche Geltungssucht aus. Heidi Kastner erklärt: „Solcherart Disponierte agieren als reine Machtmenschen, die alles und alle ihrem pathologischen Bedeutsamkeitsstreben unterordnen und diejenigen, die sie daran behindern mit Macht – und jederzeit abrufbarer Aggression – aus dem Weg räumen.“
Regeln und Gesetzmäßigkeiten bedeuten ihnen nicht, Realitäten werden nicht anerkannt, vernünftige, themenbezogene Auseinandersetzungen sind auch nach dem spontanen Aggressionsausbruch nicht möglich. Heidi Kastner rät: „Falls man das Pech hat, in so eine berufliche Konstellation zu geraten, ist die ehebaldigste Fluch dringend zu empfehlen: Hier wäre es müßig und selbstschädigend, auf Einsicht und Veränderung zu warten.“ Die Extremausprägung der emotionalen Unkontrollierbarkeit und der affektiven Durchlässigkeit stellt die emotional instabile Persönlichkeitsstörung dar. Quelle: „Wut“ von Heidi Kastner
Von Hans Klumbies
