In seinem neuen Buch „Stoische Gangarten“ betrachtet Helmut Lethen das stoische Denken neu. Gustave Flaubert führt uns eine stoische Gangart im 19. Jahrhundert vor. Was ist aus ihr im 20. und 21. Jahrhundert geworden? Am „nie versiegenden Vorrat an Gleichgültigkeit der Gesellschaft“, den Flaubert feststellt, herrscht in der Gegenwart kein Mangel. Helmut Lethen schreibt: „Ich empfinde nur, dass die Zukunft leer und drohend auf uns zukommt. Wir leben in einem Raum, in dem politische Paradoxe Handlungslähmung bewirken und Handlungslähmungen Paradoxe plausibel erscheinen lassen.“ Daher ist es schwer, eine Mitte zu finden. Die Erfindung einer Mitte wäre die Lösung des Rätsels, wie man heute noch Stoiker sein könnte. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.
Buchrezensionen
Es besteht immer die Gefahr des vorschnellen Urteils
Vorurteile, Vorannahmen und nur scher erschütterbare Überzeugungen bestimmen, was Menschen hören können. Es ist die Gefahr des sofortigen Bescheidwissens und des vorschnellen Urteils, das das neue Buch „Zuhören“ von Bernhard Pörksen in immer neuen Anläufen in drei Kapiteln umkreist. Zu Beginn skizziert der Autor die Konturen einer „Philosophie des Zuhörens“, diskutiert grundlegende Fragen und schildert eigene Motive und Erfahrungen. Es folgen detaillierte Beobachtungen, Illustrationen einer „Praxis des Zuhörens“, Versuche der Erweiterung der Wahrnehmung durch maximale Präzision, die Sichtbarmachung von Kontexten. Das Buch endet in der Gegenwart unserer Diskurse und einer Auseinandersetzung mit der „Politik des Zuhörens“. Der Kontext ist die Botschaft, das wird hier erneut deutlich. Bernhard Pörksen betont: „Ohne Kontext, ohne die Analyse einer je besonderen Situation können wir nicht zu einem gerechten Urteil gelangen und keine adäquate Position entdecken.“ Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung
Das neue Buch von Heidi Kastner ist als ein Essay über die Feigheit zu verstehen beziehungsweise über diejenigen Aspekte dieses Phänomens, die bei der Autorin wiederkehrend Unbehagen auslösen. Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung, welche die Menschheit vermutlich seit Anbeginn begleitet und durchgängig negativ bewertet wurde. Feigheit kann als Persönlichkeitseigenschaft oder als Phänomen verstanden werden, das sich nur in spezifischen Situationen manifestiert, und bezeichnet ein Verhalten, das aus einer Kombination von Emotionen und kognitiver Bewertung resultiert. Eine besonders negative und sanktionsintensive Bewertung der Feigheit findet sich immer dort, wo in einer Gesellschaft gemeinsame Moralvorstellungen herrschen und feiges Verhalten andere gefährdet oder einer Bedrohung aussetzt, die durch gemeinsame Anstrengung abgewehrt werden muss. Die Psychiaterin und Primärärztin für forensische Psychiatrie leitet am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums die Abteilung für Forensische Psychiatrie.
Durch die Linse der Wahrheit blickt die Gesellschaft auf die Wirklichkeit
In seinem Buch „Ruinen der Wahrheit“ erzählt der niederländische Philosoph Rob Wijnberg die Geschichte, die zur gegenwärtigen Krise der Wahrheit geführt hat. Für den Autor geht es bei der Wahrheit nicht nur um den Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, ums Besserwissen und Danebenliegen. Rob Wijnberg betont: „Wahrheit ist viel mehr, nämlich die Linse, durch die eine ganze Gesellschaft auf die Wirklichkeit blickt.“ Wahrheit ist für Kollektive eine Kraft, die eine Welt eröffnet, Differenzen überbrückt oder vertieft und Menschen verbindet oder spaltet. Was die Liebe für den Menschen ist, ist die Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und uns zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.
Judith Werner bietet philosophische Hilfe bei Gedankenschleifen an
Judith Werner schreibt in ihrem Buch „Besser grübeln“: „Wer konstant seinen Gedanken nachhängt – zumal, wenn es sich um Sorgen oder Ängste handelt – verbraucht jede Menge Energie. Die fehlt dann an anderer Stelle, vor allem, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Overthinking macht mürbe und ist kein erstrebenswerter Zustand.“ Der Alltag ist von großen und kleinen Entscheidungen geprägt und wenn dabei von der eigenen Grübelei ausgebremst wird, ist Stress vorprogrammiert. Was jedoch gegen einen simplen Grübelstopp spricht: Er funktioniert nicht. Auf der anderen Seite kann Overthinking echten Leidensdruck ausüben. Die Bandbreite, wie sich dieser gestaltet, ist vielfältig. Gerade Ablehnung – egal in welcher Form – schmerzt. Die Bewertung durch andere ist daher ein Kernelement von vielen Overthinking-Schleifen: Habe ich etwas Falsches gesagt? Wie habe ich es gesagt? Wie ist das bei der anderen Person angekommen? Dr. Judith Werner ist Publizistin und Philosophin.
Ekstatische Gefühlszustände waren und sind allgegenwärtig
In ihrem Buch „Berauscht der Sinne beraubt“ folgt Racha Kirakosian der Bedeutung des Phänomens der Ekstase von der Antike bis in die Gegenwart. Sie vereint Religionsgeschichte, Kulturgeschichte und Medizin, um diesen facettenreichen Bestandteil des menschlichen Daseins zu beleuchten. Das wohl dominanteste Narrativ, das dem Image der Ekstase nachhaltig Schaden zugefügt hat, ist von einem spezifischen Denken der Aufklärung beeinflusst. Demnach geht Fortschritt in der Geschichte mit Rationalität einher, wohingegen Ekstase mit Bewusstseinszuständen wie Traum und Vision verbunden wird und damit als diametral entgegengesetzt zur Vernunft gilt. Racha Kirakosian stellt fest: „Die Vorstellung, dass spirituelle und ekstatische Momente rückständig und deswegen zu überwinden seien, prägt nach wie vor unser westliches Bild von dem, was geheimhin als Fortschritt gilt.“ Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Der Wandel und der nötige Aufbruch können gelingen
Stefan Klein erklärt in seinem neuen Buch „Aufbruch“, warum Menschen auf Neues von Natur aus widerwillig reagieren und wie verbreitete Illusion über den Fortschritt sie lähmen. Und er zeigt anhand von Beispielen, nach welchen Gesetzen der Wandel funktioniert. Wie kann der heute nötige Aufbruch gelingen? Wir blockieren uns selbst. Der einzige Weg ist, dass wir und selbst und andere besser verstehen. Veränderung setzt voraus, dass wir lernen, einander zuzuhören und einander ernst zu nehmen. Täglich führen uns die Medien vor Augen, wie es um uns steht. Man müsste sich schon in eine Höhle zurückziehen und alles Sinneskanäle verschließen, um zu glauben, dass wir in einer heilen Welt leben. Die weltweite Klimakrise ist eine Notlage von einem in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenem Ausmaß. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
In „ZeitenWenden“ seziert Ulrike Guérot den Zerfall der Gegenwart
Das neue Werk „ZeitenWenden“ von Ulrike Guérot ist ihr freistes Buch, denn sie hat, wie die großartige Janice Joplin damals gesunden hat, nicht mehr viel zu verlieren, „nothing left to lose“. In „ZeitenWenden“ seziert die Autorin den geistigen, politischen und gesellschaftlichen Zerfall der Gegenwart. Ulrike Guérot schreibt gegen das Vergessen, das Wegsehen, und die Lüge – und für die Rückbesinnung auf Vernunft, Mut und bürgerlicher Verantwortung. Es sind die Intellektuellen oder die Kulturschaffenden, die mit Trigger-Warnungen und Ähnlichen die Infantilisierung der Gesellschaft mitbetreiben und dabei Grundprinzipien des Humanismus verraten, zum Beispiel, das wehrhafte, mündige aufgeklärte Bürger, was sie tun. Die „Shitbürger“, wie Ulf Poschardt schreibt, sind es auch, die Anstand, Fleiß und Ehrlichkeit verraten haben, aus denen aber der Kitt gemacht ist, der eine Republik zusammenhält.
Das schleichende Artensterben bedroht das Überleben der Menschheit
Fokussiert auf die jeweiligen Augenblickskrisen der Zeit leiden wir unter akuter Amnesie, sobald keine direkte Gefahr für unser Wohlbefinden mehr droht. Matthias Glaubrecht warnt: „Und genauso gehen wir auch mit der wohl größten Gefahr für das Überleben der Menschheit um – dem schleichenden Artenschwund und Artensterben, der Krise der Biodiversität, die zunehmend unsere Lebensgrundlagen bedroht.“ Der Mensch ist zu einem Evolutionsfaktor des Lebens auf der Erde geworden. Bedingt dadurch nehmen die Vielfalt und die Vielzahl der Lebewesen auf unserem Planeten in dramatischer Weise ab, und zwar stärker noch, als bisher ohnehin schon vermutet wurde. Demnach sind im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller untersuchten Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Der Weg ins Ungewisse kann befreiend sein
Rebecca Solnit erforscht in ihrem Buch „Umwege“, wie wir durch unser Handeln die Gegenwart und die Zukunft gestalten können. Dabei zeigt sie auf, wie befreiend es sein kann, sich auf den Weg ins Ungewisse einzulassen. Anhang der drängenden Fragen unserer Zeit – Klimawandel, Bedrohung der Demokratie, Frauenrechte – wagt Rebecca Solnit eine Hinwendung zur Langsamkeit, zum Umweg, zum Unvorhersehbaren auf den Weg in eine bessere Zukunft. Rebecca Solnit schreibt: „Ich habe die Langsamkeit, die Geduld, die Beharrlichkeit und die langfristige Sicht schätzen gelernt, weil sie wichtige Werkzeuge sind, mit denen man die Welt verändern oder sogar verstehen kann.“ Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.
Das Zeitalter des Wissens hat begonnen
Albert Wenger fordert in seinem Buch „Die Welt nach den Kapital“ ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dabei handelt es sich um die ökonomische Freiheit, die Menschen von ihren existenziellen Zwängen befreit. Nur so können sie frei über ihre Aufmerksamkeit verfügen und diese in Freundschaften und Familie, in die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie in die Schaffung von Innovationen investieren. Die Informationsfreiheit gewährleistet einen ungehinderten Zugang zu Wissen und damit dessen Weiterentwicklung. Sie erfordert ein Recht auf programmatische Interaktion mit Informationssystemen. Die psychologische Freiheit befähigt Menschen, in einer von Informationsüberflutung und algorithmischer Manipulation geprägten Welt rational zu denken und zu handeln. Diese drei Freiheiten verstärken sich gegenseitig. Und sie ermöglichen ein Wissenszeitalter, in dem nicht mehr das Kapital, sondern Aufmerksamkeit die wichtigste Ressource darstellt. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.
Der Weg zur Freiheit führt über Gleichheit und Gerechtigkeit
Joseph Stiglitz skizziert in seinem neuen Buch „Der Weg zur Freiheit“ eine Ökonomie für eine gerechte Gesellschaft. Er schreibt: „Wir befinden uns mitten in einem globalen Krieg, in dem es darum geht, Freiheit zu schützen und zu bewahren.“ Joseph Stiglitz ist fest davon überzeugt, dass Demokratien und freie Gesellschaften die Bedürfnisse ihrer Bürger sehr viel effektiver befriedigen als autoritäre Systeme. Allerdings versagen die freien Gesellschaften auf mehreren Schlüsselgebieten, insbesondere in der Wirtschaftspolitik. Laut Joseph Stiglitz gibt es vier Freiten: erstens, die Freiheit zu arbeiten, zweitens, die Freiheit, die Früchte seiner Arbeit zu genießen, drittens, die Freiheit, Eigentum zu besitzen und darüber zu verfügen, und viertens, die Freiheit, an einem freien Markt teilzunehmen. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.
Die Philosophie ist aus dem Willen zur Störung geboren
Die Philosophin Barbara Bleich gibt zu: „Nicht alle stören sich am selben.“ Wobei gewisse Störelemente wohl ungeteilt alle zur Weißglut bringen. Die Fahrleitungsstörung zum Beispiel, die uns alle zum Ausharren im stillstehenden Zug verdammt; die Warteschlange, die stagniert; viel zu langsames W-Lan oder – besonders unbeliebt – die surrende Stechmücke bei Nacht. Eine Störung wird umso ätzender, als sie nicht nachlässt, sondern immer wieder belästigt, plagt und triezt, bis der Geduldfaden reißt und man dem Quälgeist mit Maximaleinsatz beizukommen versucht. Wer allerdings an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophie ist, so könne man sagen, aus dem Willen zur Störung geboren – eine Störung freilich, die nicht bei der Dekonstruktion stehen bleibt, sondern stets die Konstruktion im Blick hat: den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft und die Erkenntnis von Wahrheit.
Nur wirkliche Begegnungen führen zu echter Verbundenheit
In seinem neuen Buch „How to Know a Person“ zeigt David Brooks, wie jeder Mensch echte Beziehungen aufbauen und sein Verständnis für seine Mitmenschen vertiefen kann. Dabei verknüpft er neueste Erkenntnisse aus Psychologie, Philosophie und Neurowissenschaften mit praktischen Strategien. Diese helfen, schwierige Gespräche zu meistern, Empathie zu entwickeln und das Verborgene in anderen zu erkennen. David Brooks ist kein außergewöhnlicher Mensch, aber er versucht zu wachsen. Dabei gelingt es ihm, seine Schwächen zu erkennen und daran zu arbeiten, sich als Mensch weiterzuentwickeln. Im Laufe dieser Entwicklung hat David Brooks etwas Grundregelndes gelernt: „Ein offenes Herz ist die Voraussetzung dafür, dass man ein erfüllter, freundlicher und weiser Mensch ist, aber das reicht nicht aus. Wir brauchen soziale Fähigkeiten.“ Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Erinnerungen sind ganz zentral für ein gutes Leben
In seinem Buch „Mit der Vergangenheit leben“ stellt Charles Pépin die These auf, dass Erinnerungen zentral für ein gutes Leben sind: „In den Werten, an die wir glauben, und in den Dingen, und wichtiger sind als alles andere, überdauern die Spuren unseres Herkunftsmilieus, unserer Erziehung und unseres einschneidenden Begegnungen.“ All dies entspringt der Vergangenheit. Und in allem ist die Vergangenheit gegenwärtig. Sie liegt nicht hinter einem Menschen, sondern macht sich kontinuierlich bemerkbar. Egal, ob Menschen glücklich oder unglücklich sind, ihre Vergangenheit kehrt unentwegt zurück. Ein seltsames Ding die Vergangenheit: Sie lässt sich nicht rückgängig machen und sucht doch fortwährend die Gegenwart heim. Menschen bestehen zu weitaus größeren Teilen aus Vergangenheit als aus Gegenwart. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Der Wut fehlt die gesellschaftliche Akzeptanz
In ihrem Buch „Wut“ setzt sich Heidi Kastner mit einem verpönten Gefühl auseinander. Die Autorin schreibt: „Wut ist, gelinde gesagt, unangenehm, und zwar sowohl für den, der sie empfindet als auch für den, den sie trifft. Wir kennen die blinde Wut, die kalte Wut, die ohnmächtige Wut, wir sind außer uns vor Wut.“ Wut ist eine von mehreren Basisemotionen, ist also Teil der „conditio humana“ und Teil unseres ureigenen Verhaltensrepertoires. Die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz schlägt sich in einer umfangreichen Ratgeberliteratur nieder: 99,9 Prozent aller verfügbaren Buchtitel zum Thema Wut befassen sich mit dem Nicht-Ausleben. Die Wut wird in diesen Büchern meist als Indiz fehlender Selbstakzeptanz interpretiert. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
Herfried Münkler beschreibt Deutschlands Rolle im 21. Jahrhundert
Ein wesentlicher Strang des Buches „Macht im Umbruch“ von Herfried Münkler ist die Geopolitik, die im Zuge der Umbrüche und Veränderungen der letzten zehn Jahre einen bemerkenswerten Wiederaufstieg erfahren hat, auch in Deutschland, wo sie aus der öffentlichen wie fachwissenschaftlichen Debatte nahezu verschwunden war. Einen Schwerpunkt bildet dabei Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Herfried Münkler schreibt: „Es wird die Rolle eines „primus inter pares“ sein, eines Ersten unter Gleichen, aber doch eben eines Ersten, dessen es beim Umbau und der Neugestaltung der EU bedarf.“ Aber Deutschland schafft das nicht allein, sondern ist dafür auf eine Reihe von Unterstützermächten angewiesen, die in einer reformierten und an Handlungsfähigkeit orientierten EU so etwas wie den innersten Kreis der Europäischen Union bilden würden. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.
Das Geschäft mit der Psyche boomt
Diana Pflichthofer warnt in ihrem Buch „Die Psychoindustrie“, dass in diesem Bereich mehr Show als Substanz vorherrscht. Eine Vielzahl von selbst ernannten Therapeuten, Coaches und Heilpraktiker versprechen Menschen in psychischer Not Erleichterung und Heilung. Das Geschäft mit der Psyche boomt. Doch in einer Zeit der Krisen, die psychische Erkrankungen deutlich ansteigen lassen, sind diese ausgeklügelten Geschäftsmodelle ausgeklügelter denn je. Immer wieder ist Diana Pflichthofer erstaunt, wer sich im Fernsehen oder in Zeitungen sich auf welche Weise sich zu Themen rund um psychische Erkrankungen und Nichterkrankungen äußert. Was sich gerade in der sogenannten „Psychoindustrie“ abspielt macht Diana Pflichthofer fassungslos: „Seit geraumer Zeit beobachte ich, wie viele vermeintliche Psycho-Expertinnen auf den Psycho-Markt drängen und „therapieren“ möchten, häufig ohne Ausbildung, ohne fachkundige Supervision, ohne Erfahrung mit klinischen Krankheitsbildern und ohne professionelle Selbsterfahrung.“ Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Social-Media-Plattformen sind voll von Inhalten zu psychiatrischen Diagnosen
Laura Wiesböck beschreibt in ihrem neuen Buch „Digitale Diagnosen“, dass Social-Media-Plattformen voll sind von Inhalten zu psychiatrischen Diagnosen – und das nicht erst seit der COVID-19-Pandemie. Darin zeigt sich ein historisches Kontinuum: Was von wem als pathologischer Zustand verstanden wird, unterliegt laufenden Aushandlungsprozessen. Definitionen von „krank“ und „gesund“ sind keine objektiven Parameter. Sie sind sozial konstruiert, gesellschaftlich vermittelt, unterliegen spezifischen „Moden“ und sind abhängig von unterschiedlichen Interessen und vorherrschenden Werten. Sieht man die bisherigen Analysen über die gesellschaftliche Popularisierung von psychiatrischen Diagnosen an, wird vielfach der Standpunkt vertreten, dass ökonomische Interessen der Gesundheitsindustrie dahinterstünden. Andere Stimmen betonen, unsere gegenwärtige Kultur sei auf Schmerzverbeidung und damit Daueranästhesierung ausgelegt. Laura Wiesböck ist promovierte Soziologin und leitet die Gruppe „Digitalisierung und soziale Transformation“ am Institut für Höhere Studien Wien.
Erschöpfung bedroht den Kern des Wesens eines Menschen
Anna Katherina Schaffner lädt im Buch „Erschöpft?“ ihre Leser zu einem inspirierenden Streifzug durch die Kulturgeschichte ein, um das Phänomen Erschöpfung in seinen unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten. Denn die Autorin weiß: „Altes Heilwissen, gepaart mit neuesten Erkenntnissen, eröffnet überraschende Wege, auf denen wir die Ermüdung endlich hinter uns lassen und Lebensfreude und Vitalität zurückgewinnen können.“ Anna Katherina Schaffner beleuchtet die Ursachen einer kollektiven Erschöpfung und vermittelt wirkungsvolle Gegenmaßnahmen. Denn Erschöpfung bedroht den Kern des Wesens eines Menschen. Wer ständig das Gefühl hat, es mangle ihm an Energie, Kraft und Zeit, schaltet in einen zombieartigen Überlebensmodus. Dem Betroffenen werden seine Wünsche und Gefühle fremd, und er verliert aus dem Blick, was ihm wirklich wichtig ist und ihn glücklich macht. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Christian Uhle denkt über Künstliche Intelligenz und Digitalisierung nach
Christian Uhle nimmt in seinem neuen Buch „Künstliche Intelligenz und wahres Leben“ fünf Versprechen unter die Lupe, die häufig mit Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) verknüpft werden. Erstens: Endlich mehr Zeit für dich. Zweitens: Du bist nicht allein. Drittens: Dein neuer Freund und Helfer. Viertens: Die Welt ist dir zu Diensten. Fünftens: Sinn statt Hamsterrad. Längst wird deutlich: Digitalisierung ist kein Thema allein für Computerfreaks, sondern betrifft uns alle – ob wir wollen oder nicht. So ein weitreichender Prozess sollte wohlüberlegt, gemeinsam und demokratisch gestaltet werden. In seinem Buch „Künstliche Intelligenz und wahres Leben möchte Christian Uhle Anregungen geben, wie über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachgedacht werden kann. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Niemand möchte wirklich immer die Wahrheit hören
Mit seinem Buch „Alles Lügner!?“ gibt Thomas Erikson seinen Lesern alle Werkzeuge dafür in die Hand, einen Lügner zu erkennen – ob es nun ein guter Freund oder ein Kollege ist, ein Cousin oder der Chef. Der Autor beschreibt zudem einige Taktiken, mit denen man eine Lüge aufdecken kann. Das ist wichtig. Denn wer will sich schon hereinlegen lassen. Die Mittel, die Thomas Erikson beschreibt, kann man in allen Interaktionen mit anderen anwenden. Der Autor betont: „Und nicht weniger wichtig – viele wenden dieselben in ihren Interaktionen mit Ihnen an.“ Das Eigenartigste an Lügen ist, dass alle sie hinnehmen. In unterschiedlichem Maße, gewiss, aber Thomas Erikson ist noch niemandem begegnet, der wirklich immer die Wahrheit hören möchte. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.
Die Kunst der Darstellung formt unsere Zivilisation
Die Kunst der Darstellung ist eine Ausdrucksform, die seit jeher alles Bereiche des menschlichen Lebens prägt. Richard Sennett spannt in seinem neuen Buch „Der darstellende Mensch“ einen weiten Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, wodurch das Bild einer doppelbödigen Kunstform entsteht, die unsere Zivilisation formt, aber auch zerstören kann. Tatsächlich ist Darstellung einer der Künste, allerdings eine unreine Kunst. Richard Sennett schreibt: „Wir sollten die Kunst in ihrer ganzen Unreinheit verstehen wollen. Doch genauso sollten wir auch Kunst schaffen wollen, die moralisch gut ist, und zwar ohne jede Unterdrückung.“ In seiner ganzen schriftstellerischen Arbeit hat Richard Sennett nach dem gesucht, was die Menschen über Räume und Zeiten hinweg miteinander verbindet. Die Unterschiede, die es gibt, können Möglichkeiten des Lebens oder Ausdrucks offenlegen, die untergegangen oder durch Macht erstickt worden sind. Die Vergangenheit ist Kritik an der Gegenwart. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.
Die Bandbreite des Hochmuts reicht von harmlos bis extrem gefährlich
Im Hochmut steckt das Wort Mut. Das ist die positive Seite. Wer sich nicht einschüchtern lässt, sich etwas zutraut, wer neu denkt und dabei viel aufs Spiel setzt, der kann stolz auf sich sein und die Gesellschaft mit neuen Ideen und Lösungen beflügeln. Es gibt aber leider auch die negative Seite. Richtig gefährlich kann der Hochmut in der Gestalt von egomanischen Menschen sein. Aber am furchtbarsten wütet er in seiner kollektiven Form, wenn andere Länder überfallen und Genozide begangen werden. Lässt sich Hochmut sinnvoll eingrenzen, und wie kann man ihn in seinen diversen Steigerungsformen eingrenzen? Ulla Steuernagel erklärt: „Es gibt ihn von harmlos bis extrem gefährlich, von lächerlich bis Furcht einflößend.“ Im modernen Sprachgebrauch würde man überheblich, arrogant, eitel sagen. Hochmütig eher nicht. Ulla Steuernagel studierte Empirische Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Pädagogik.
Die Achse der Autokraten besteht aus einem globalen Netzwerk
Anne Applebaum zeigt in ihrem neuen Buch „Die Achse der Autokraten“, dass die Macht von Diktatoren auf vielfältigen Verbindungen untereinander und einem ausgeklügelten globalen Netzwerk besteht. Die Autorin beschreibt, wie diese Achse funktioniert und wie die Autokraten von heute, geeint in ihrer Gier nach Machterhalt und dem Kampf gegen die Demokratie, eine neue Weltordnung erschaffen. Viele Menschen glauben, dass in einem autokratischen Staat ein Schurke an der Spitze steht, ihm zur Seite Armee und Polizei, die den Bürgern mit Gewalt drohen. Doch das hat mit der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts wenig zu tun. Anne Applebaum schreibt: „Autokratien werden nicht von einem einzelnen Bösewicht kontrolliert, sondern von raffinierten Netzwerken mit kleptokratischen Strukturen, einem komplexen Sicherheitsapparat aus Armee, Paramilitärs und Polizei sowie technischen Experten, die für Überwachung, Propaganda und Desinformation zuständig sind.“ Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.