Martin Wagner schreibt: „Die Frage des relativen deutschen Gehorsams oder Ungehorsams wurde fester Bestandteil der Debatten darüber, was typisch deutsch sei – Debatten über den eigenen Nationalcharakter also, wie sie die Deutschen, so hat Friedrich Nietzsche im 19. und so hat Norbert Elisas im 20. Jahrhundert gesagt, mehr als jede andere europäische Nationen auszeichnen.“ Noch ganz im Geiste der Idee „germanischer Freiheit“ beschrieb der junge Carl von Clausewitz die Deutschen 1807 als besonders unabhängig. Er kontrastiert sie mit den Franzosen, in denen der Sonnenkönig Ludwig XIV. ebenso wie später Napoleon „gehorsame Untertanen“ gefunden habe. Ähnlich beharrt auch Johann Gottlieb Fichte in seinen berühmten „Reden an die deutsche Nation“ (1806/07) auf dem Freiheitsinn als einem wesentlichen Charakteristikum der Deutschen. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).
Für Karl Hermann Scheidler sind die Deutschen besonders der Freiheit zugetan
Heinrich Heine spricht im Jahr 1844 in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ immerhin noch ironisch von „deutscher Freiheit“. Martin Wagner ergänzt: „Und noch einige Jahre später urteilt der Staatswissenschaftler Karl Hermann Scheidler in einem 1853 publizierten Aufsatz für die „Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste“, die Deutschen seien in besonderem Maße der Freiheit zugetan.“ Der relative Mangel an Gehorsam dient Scheidler als Unterscheidungsmerkmal innerhalb eines rassistisch geprägten Weltbilds.
Karl Hermann Scheidler erklärt, dass die Völker Asiens und Afrikas von tiefsten Gehorsamsdenken geprägt seien, während sich allein bei den „kaukasischen“ Völkern klarere Abstufungen und ein deutlicher Begriff von Freiheit finden lassen. Martin Wagner fügt hinzu: „Scheidler verurteilt den viehischen Sklavensinn der mongolischen Nomadenvölker, die sich von ihren Oberhäuptern oder Fürsten berauben, verschenken, vermachen, Nasen und Ohren abschneiden lassen, ohne nur zu murren.“
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts blieb der Gehorsam ein umstrittener Begriff
Gleichfalls behauptet Scheidler von den Afrikanern, dass sie ihre größte Ehe in dem Titel eines „königlichen Sklaven“, ihre tiefste Schande in den Namen eines freien Mannes setzen. Martin Wagner weiß: „Auch bei den Europäern unterscheide Scheidler scharf zwischen sklavischen Slawen einerseits und den freiheitsliebenden Germanen andererseits. Allein den Engländern wird noch ein größerer Freiheitssinn zugestanden als den Deutschen.“ Die kelto-romanischen Stämme – also auch die Franzosen – werden zwischen Germanen und Slawen verortet.
Das Judentum ebenso wie der Katholizismus werden als Gehorsamsreligionen stark abgewertet und dem Protestantismus gegenüber als minderwertig entgegengesetzt. Martin Wagner stellt fest: „Doch während im 19. Jahrhundert noch an der Idee der freiheitsliebenden Deutschen weitergeschrieben wurde, etablierte sich gleichzeitig das gegenteilige Stereotyp des gehorsamsliebenden Deutschen, das bis heute dominant geblieben ist.“ Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts blieb der Gehorsam ein umstrittener Begriff, zu dem sich sowohl positive als auch negative Bezugsrahmen finden. Quelle: „Die Deutschen und der Gehorsam“ von Martin Wagner
Von Hans Klumbies
