Byung-Chul Han betont in seinem Essay „Ohne Respekt“: „Der gegenseitige Respekt bildet das Fundamente einer gerechten Gesellschaft.“ Der Respekt für andere setzt die Fähigkeit voraus, die Lage anderer von ihrem Standpunkt, aus der Sicht ihrer Vorstellung vom Guten zu sehen. Daneben ist die Aufmerksamkeit für den Anderen konstitutiv für den Respekt. Allerdings vereinzelt das neoliberale Regime die Menschen. Es macht aus ihnen Einzelkämpfer, die in seinem Jargon „Unternehmer seiner selbst“ heißen. Die Leistungsgesellschaft zerstört das soziale Umfeld, in dem wir uns geschätzt und geschützt fühlen. In ihr ist der Respekt nichts wert. Er ist vielmehr das Ergebnis einer individuellen Leistung. So wird um ihn unerbittlich gekämpft. Der Kampf um Respekt findet als Kampf um Status statt. Statusverlust ist identisch mit Respektverlust.
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Passende Bücher bei Amazon findenDer Respekt beruht auf Werten
Der Respekt gilt dem Anderen. Er bedeutet wörtlich Rücksicht auf den anderen. Die Realität sieht leider ganz anders aus. Die Respektlosigkeit, die wir heute latent überall spüren und die sich nicht selten zur Aggression gegenüber anderen auswächst, spiegelt eine tiefe soziale Krise wieder. Der Respekt als soziales Bindemittel erodiert. Wir nehmen heute kaum mehr Rücksicht auf den anderen. Aktuell gehen wir schonungs-, rücksichts- und hemmungslos miteinander um. Soziale Medien belohnen die Enthemmung, generiert diese doch mehr Aufmerksamkeit. Kein Ethos der Grazie bestimmt das Miteinander.
Der Respekt ist für Byung-Chul Han eine Gegenfigur zur Gleich-Gültigkeit. Wo prinzipiell alles allem gleicht, verschwinden die Räume des Respektes. Der Respekt beruht auf Werten. Der allgemeine Wertezerfall zerstört die Räume des Respektes. Werte und Ideale bringen eine vertikale Bestrebung hervor, das Handeln auf sie auszurichten. Sie geben Ziele und Richtungen vor, die uns Sinn und Orientierung geben. So eröffnen sie die Zukunft. Das wertebasierte Handeln lässt sich von einem festen Glauben an den Fortschritt vorantreiben.
Die Digitalisierung begünstigt den Verfall der Öffentlichkeit
Der sich ausbreitende Autoritätsverfall bringt eine dialektische Gegenbewegung hervor. Das Autoritätsvakuum, das die Gesellschaft verunsichert und desorientiert, erweckt ein Bedürfnis nach einem autoritären Herrscher. Dabei verwandelt sich Führung in Verführung. Und der Respekt weicht der Verehrung, der religiöse, fanatische Züge trägt. Die Autokraten verführen mit einfachen Formeln und Sprüchen, indem sie sich über Komplexitäten einfach hinwegsetzen.
Byung-Chul Han fordert: „Wir müssen den Strukturwandel der Öffentlichkeit bis zur Gegenwart verfolgen, um ein Verständnis für die zunehmende Respektlosigkeit zu gewinnen. Zu berücksichtigen ist vor allem der mediengeschichtliche Aspekt.“ Denn die Digitalisierung begünstigt den Verfall der Öffentlichkeit. Sie lässt soziale Räume entstehen, in denen totale Distanz- und Respektlosigkeit herrschen. Die zunehmende Schamlosigkeit und Enthemmung in den sozialen Medien sind auf den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit zurückzuführen. Shitstorm und Hate Speech sind genuin digitale Verfallsformen der Öffentlichkeit.
Ohne Respekt
Eine soziale Krise
Byung-Chul Han
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Gebundene Ausgabe: 94 Seiten, Auflage 2: 2026
ISBN: 978-3-7518-2125-4, 20,00 Euro
Von Hans Klumbies
