Burnout ist sowohl individuell als auch kulturell geprägt

Für den Autor Jonathan Malesic ist Burnout nicht so sehr ein individuellen Problem, sondern eher kulturell bedingt. Anna Katherina Schaffners Überzeugung nach, trifft beides zu: „Die Wurzeln unserer Erschöpfung sind oft in tiefliegenden kulturellen Überzeugungen verankert, die ihrerseits unsere individuellen Verhaltensweisen prägen.“ Die heilende Kraft philosophischer Reflexionen und historisch-soziologischer Einsichten ist viel zu lange unterschätzt worden. Beim Versuch, unsere allgegenwärtige Erschöpfung zu überwinden, sind Vorschläge aus diesen Bereichen unerlässlich, nicht zuletzt weil sie uns helfen, den Blick auf unsere Probleme zu verändern. Perspektivwechsel, egal ob klein oder groß, können uns aus unserer Lähmung befreien und uns in Handeln bringen. Nicht alles ist unsere persönliche Verantwortung, und wir sind nicht allein mit den Zwickmühlen, in denen wir festzustecken glauben. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.

Jeder Erschöpfungszustand beruht auf einem komplexen Ursachenkomplex

Viele Ursachen unserer Erschöpfung sind struktureller und kultureller Natur. Anna Katherina Schaffner fügt hinzu: „Dazu kommt, dass einige der Glaubenssätze, die uns krank machen, nicht nur das Produkt aktueller neoliberaler Effizienzsteigerungsprogramme sind. Sie sind oft älter als wir denken, ihre Wurzeln reichen weit zurück in die Vergangenheit.“ Die Essayistin, Lyrikerin und Aktivistin Audre Lorde schreibt: „Es gibt keinen Kampf um ein einziges Thema, weil wir kein Leben führen, das nur unter einem einzigen Thema steht.“ Diese Aussage trifft auch auf die Erschöpfung zu – ihre Ursachen sind vielfältig und komplex, sie hat innere wie äußere Gründe.

Anna Katherina Schaffner erklärt: „Jeder Erschöpfungszustand, der auf einem komplexeren Ursachengeflecht beruht, erfordert eine transdisziplinäre und systemische Herangehensweise, die sich nicht ausschließlich auf äußere oder innere Faktoren konzentriert, sondern in Erfahrung bringt, wie diese Faktoren zusammenwirken.“ Inzwischen untersucht eine rasch wachsende Zahl von Forschenden, wie sich soziale und kulturelle Gegebenheiten auf unser Wohlbefinden auswirken.

Unsere Kultur fordert uns ständig zum Produzieren und Konsumieren auf

Produktivität und Effizienz sind in unserer Gesellschaft zu einem Fetisch geworden, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass diese Überbewertung dramatisch nach hinten losgeht – sie macht eine immer größere Zahl von Menschen krank. „Körperlich und psychisch sind wir von weit mehr überarbeitet als nur von der Arbeit selbst. Wir sind mit unserem ganzen Wesen einer Kultur unterworfen, die uns nahelegt, jeden einzelnen Moment als Gelegenheit zum Produzieren oder Konsumieren wahrzunehmen“, schreibt Josh Cohen.

Die meisten von uns sind vor allem deshalb so ausgebrannt, weil wir bezüglich Zeit, und wie wir sie nutzen sollten, in eine Netz ausgesprochen schädlicher Grundannahmen verstrickt sind. Anna Katherina Schaffner erläutert: „Diese Grundannahmen sind für uns derart normal, dass wir sie als naturgegeben betrachten – als etwas, das eben ist, wie es ist.“ Wissen, das nur im Kopf existiert, ist nutzlos. Oder wie Johann Wolfgang von Goethe es formulierte: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden. Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.“ Quelle: „Erschöpft?“ von Anna Katherina Schaffner

Von Hans Klumbies