Ohne Neid kann es überhaupt keine Gesellschaft geben

Bettina Schulte stellt fest: „Wenn der Neid ein universeller Charakterzug des Menschen ist, und zwar aller Menschen, dann sind alle Bestrebungen, eine gerechte Gesellschaft ohne Anlass zum Neid zu schaffen, ins Reich der Utopie zu verbannen.“ „Die Hoffnung auf eine vom Neid befreite Gesellschaft übersieht, dass es ohne die Fähigkeit des Neides überhaupt keine Gesellschaft geben kann“, schreibt der Soziologe Helmut Schoeck. Andererseits sieht er die Tabuisierung des Neides als notwendig an, um das soziale Gefüge nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, schlimmstenfalls sogar zu sprengen. Hier kommt es wieder zum Vorschein, das Doppelgesicht des Neides: zerstörerisch im des eigenen Mangels bewussten Begehren nach der Fülle des anderen, antreibend und leistungssteigernd im Wetteifer, in der Konkurrenz mit den anderen. Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.

Besonderen Anstoß erregt der Neid in Demokratien

Wer niemandem etwas neidet, wer sich mit niemandem vergleicht, wird sich selbstgenügsam mit dem bescheiden, was er hat. Bettina Schulte weiß: „Besonderen Anstoß erregt der Neid in demokratischen Gesellschaften. Denn nur, wer sich mit einem anderen vergleichen kann, entwickelt Neid.“ Schon der französische Gesellschaftstheoretiker Alexis de Tocqueville (1805 – 1859) stellte fest, dass eine Gesellschaft, je mehr sie von der Idee der Gleichheit erfüllt ist, umso mehr mit dem Neid zu kämpfen hat.

Auf Könige können ihre Untertanen schlechterdings nicht neidisch sein. Deshalb entwickelte der Neid in feudalistischen, vertikal geschichteten Gesellschaften keine soziale Sprengkraft. Bettina Schulte ergänzt: „Jeder war an dem für ihn bestimmten Platz. Der Aufstieg in eine andere Gesellschaftsschicht war nicht vorgesehen. Sind die gesellschaftlichen Strukturen fest und klar umrissen, scheint der Neid gebannt.“ Die Griechen waren sich dessen bereits bewusst – sie kannten sehr wohl die gesellschaftssprengende Gefahr des Neides – und schufen Abhilfe mit dem sogenannten Ostrazismus.

In der Psychologie wird Ostrazismus negativ definiert

Ein Mann, der so viele Verdienste aufgehäuft hatte, dass er anderen ein Ärgernis sein konnte, wurde über eine Abstimmung mit Tonscherben – den Ostraka – für einige Zeit in die Verbannung geschickt. Bettina Schulte fügt hinzu: „Eine gesellschaftliche Befriedungsmaßname, die Francis Bacon in seinem Essay über den Neid wiederaufnimmt, um den Beneideten ins Stammbuch zu schreiben, sie sollten von ihren Vorteilen nicht so viel Aufhebens machen.“

Der Begriff hat in der zeitgenössischen Psychologie überlebt. Hier ist er ausschließlich negativ definiert: Ostrazismus bezeichnet den Ausschluss eines Einzelnen aus einer Gruppe, um deren Stabilität zu sichern. Mögliche Gründe dafür werden nicht in den Blick genommen. Bettina Schulte erläutert: „Im aktuellen Diskurs, der ganz auf die Opferperspektive zentriert ist, spricht man von Mobbing. Das verschiebt die Perspektive von einer möglichen Ursache – warum wird jemand gemobbt: weil man neidisch auf ihn ist? – auf den zerstörerischen Akt selbst.“ Quelle: „Neid“ von Bettina Schulte

Von Hans Klumbies