Die Natur ist weder Feind noch Lehrmeister

Beim Thema „Natur“ prallen zwei Meinungen hart aufeinander. Für die einen gilt uneingeschränkt: „Macht euch die Erde untertan.“ Sie wollen den Pfad der Technik weiterbeschreiten und die Natur so vollständig wie möglich beherrschen. Bernward Gesang fügt hinzu: „Natur erleben sie vorrangig als eine Grenze. Eine Grenze unserer Freiheit und unseres Körpers, die uns Krankheiten und Tod bringt.“ Die Menschheit hat die Natur in der Geschichte der Zivilisation enorm verändert, und in der westlichen Welt, also da, wo der Mensch die Natur konsequent beherrscht, geht es fast jedem besser als je zuvor. Das ist das Fazit: Keiner muss mehr hungern, viele Seuchen sind verschwunden und die Lebenserwartung steigt stetig. Hat der Wohlstand die Menschen nicht glücklicher gemacht? Professor Dr. Bernward Gesang lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsethik in Mannheim.

Die Ökologie der Erde ist aus dem Gleichgewicht geraten

Die Kritiker eines neu entfesselten Prometheus kommen allerdings zu einem ganz anderen Ergebnissen: Der Mensch hat seit der Neuzeit radikal versucht, die Natur zu unterwerfen, uns steht heute vor einem Scherbenhaufen. Die Ökologie der Erde ist aus dem Gleichgewicht geraten, und seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wird der Menschheit mit guten Gründen immer wieder eine ökologische Katastrophe prophezeit. Mithilfe der Technik werden die Atemluft, das Wasser und die Nahrung vergiftet.

Die Technik hat ungeahnte Dimensionen der Massenvernichtung eröffnet, ja hätte die Welt im Kalten Krieg fast dem atomaren Inferno preisgegeben. Die Menschheit sitzt auf einem Pulverfass, während Technik und Wissenschaft vornehmlich immer neue Instrumente für den Kapitalismus erfindet, mit denen er die Welt ausbeutet. Nun auch noch das Innerste des Menschen der Technik zu unterwerfen, wäre aus dieser „romantischen“ Sicht zufolge Irrsinn. Kernenergie, neue Gene in Nahrungsmittel, Klimawandel – die Menschen können heute schon nicht mehr all die vielen Risiken überschauen, denen sie von der Technik ausgeliefert werden.

Der Wahlspruch der Aufklärung lautet: „Wage zu denken!“

Diese beiden extremen Positionen sind laut Bernward Gesang ein kleiner Ausschnitt eines größeren Bildes, denn sie kämpfen in wechselnden Gestalten schon seit Jahrhunderten gegeneinander. Die Aufklärung versucht die Menschen zu souveränen und autonomen Individuen zu machen. „Sapere aude“, wage zu denken, ist der Wahlspruch. Die Technik dient ihr dabei als Mittel, kühne Gedanken in die Tat umzusetzen. Die Romantik verklagt den Verlust der Urnatur und kritisiert, dass in der Welt vereinzelter und einsamer Individuen soziale Kälte herrscht.

Zugleich gibt es Gegner technischer „Supermenschen“, die durchaus die Leistungen von Wissenschaft und Technik anerkennen. Aber sie meinen, jetzt sei eine Grenze erreicht. Noch mehr Technik würde die Menschheit nicht benötigen. So schreibt der amerikanische Publizist Bill McKibben: „Wir müssen die Welt, die wir jetzt bewohnen, überschauen und für gut erklären. Für gut genug.“ Er meint ganz im Sinne der romantischen Kulturkritik, die Zivilisation habe den Menschen viele Sinnzusammenhänge geraubt, die sie eigentlich erst zu einem Individuum machen. Quelle: „Neue Menschen!“ von Konrad Paul Liessmann

Von Hans Klumbies

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