Bei der Gerechtigkeit geht es um die Frage, ob Gleich- und Ungleichbehandlungen durch gute Gründe gerechtfertigt oder sogar geboten sind. Bernhard Schlink schreibt in seinem neuen Buch „Gerechtigkeit“: „Immer wieder machen es sich die Antworten einfach und setzen, statt gute Gründe zu bieten, auf Ressentiment, Angst, Hass und populistische Überwältigung.“ Dagegen helfen keine Entwürfe idealer gerechter Gesellschaften, sondern nur die Gerechtigkeitsarbeit an den einzelnen Problemen. Bernhard Schlinks Buch handelt davon, wie wir nach Gerechtigkeit fragen und die Antwort auf die Frage suchen und immer wieder finden. Wie es subjektive Vorstellungen von Gerechtigkeit gibt, gibt es auch persönliche Verhältnisse zu ihr. Bernhard Schlink war Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Roman „Der Vorleser“ machte ihn weltweit bekannt.
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Aktuelle Angebote zu "Jeder Mensch hat ein Empfinden für Gerechtigkeit"
Passende Bücher bei Amazon findenUngleichbehandlungen sind meistens weder gerecht noch ungerecht
Jeder Mensch hat ein Empfinden für Gerechtigkeit. Nicht zu bekommen, was die anderen bekommen, bestraft zu werden, wenn die anderen nicht bestraft werden, sorgt für Empörung. Ohne guten Grund anders behandelt zu werden als die anderen ist nicht einfach unerfreulich, vielleicht unheimlich, vielleicht unerträglich. Es ist ungerecht. In der Empörung über eine ungerechte Behandlung steckt die Erwartung, gerecht behandelt zu werden. Gerechtigkeit fängt mit Gleichheit an. Wird Menschen etwas gegeben oder genommen, erwarten sie, dass sie gleichbehandelt werden, wenn es nicht einen guten Grund für die ungleiche Behandlung gibt.
Auch Ungleichbehandlungen sind als solche meistens weder gerecht noch ungerecht. Auch bei ihnen kommt es auf das Verhältnis zu den Zielen an. Das Verhältnis zwischen Ungleichbehandlung und Ziel muss stimmen. Die Ungleichbehandlung muss geeignet oder sogar erforderlich sein, das gute Ziel zu erreichen. Ein größeres Gewicht des Ziels wiegt ein größeres Gewicht der Ungleichbehandlung und eine geringere Gewissheit der Geeignetheit und Erforderlichkeit auf.
Das Verlangen nach Gerechtigkeit wird stärker und lauter
Für die gegenwärtige philosophische Beschäftigung mit sozialer Gerechtigkeit hat John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit den Anstoß gegeben. Keine philosophische Beschäftigung mit sozialer Gerechtigkeit begnügt sich damit, dass den Benachteiligten ein Ort in der Gesellschaft gesichert wird. Alle wollen die Situation der Benachteiligten darüber hinaus verbessern. Wird Gerechtigkeit als Tugend verstanden, ist sie immer von anderen Tugenden umgeben, immer von Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung.
Indem die Welt gerechter und das Verlangen nach Gerechtigkeit stärker und lauter wird, verändert sich auch die Wahrnehmung der Welt. Sie wird normativer und richtet sich auf die Welt weniger, wie sie ist, als vielmehr, wie sie sein soll. Normatives Wahrnehmen ist kein Hinnehmen, sondern ein Übernehmen. Es will die Welt, wie sie ist, übernehmen und so machen, wie sie sein soll. Die gewachsene normative Mentalität ist sensibel für das Unrecht zu Hause und in der Welt. Sie bekennt sich zu Moral und Gerechtigkeit und fordert sie in allen Lebensbereichen.
Gerechtigkeit
Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
Gebundene Ausgabe: 199 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-257-07372-0, 25,00 Euro
Von Hans Klumbies
