Vorurteile, Vorannahmen und nur scher erschütterbare Überzeugungen bestimmen, was Menschen hören können. Es ist die Gefahr des sofortigen Bescheidwissens und des vorschnellen Urteils, das das neue Buch „Zuhören“ von Bernhard Pörksen in immer neuen Anläufen in drei Kapiteln umkreist. Zu Beginn skizziert der Autor die Konturen einer „Philosophie des Zuhörens“, diskutiert grundlegende Fragen und schildert eigene Motive und Erfahrungen. Es folgen detaillierte Beobachtungen, Illustrationen einer „Praxis des Zuhörens“, Versuche der Erweiterung der Wahrnehmung durch maximale Präzision, die Sichtbarmachung von Kontexten. Das Buch endet in der Gegenwart unserer Diskurse und einer Auseinandersetzung mit der „Politik des Zuhörens“. Der Kontext ist die Botschaft, das wird hier erneut deutlich. Bernhard Pörksen betont: „Ohne Kontext, ohne die Analyse einer je besonderen Situation können wir nicht zu einem gerechten Urteil gelangen und keine adäquate Position entdecken.“ Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
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Passende Bücher bei Amazon findenEin leerer Geist ist stets offen für alles
Wir hören, was wir fühlen, lautet eine zentrale These des Buches „Zuhören“. Und wir fühlen, was wir selbst erlebt und erfahren haben, weil es unsere eigene, mal ganz persönliche, malt mit anderen geteilte Tiefengeschichte ist, die uns sensibel werden lässt. Wirklich zuhören heißt also auch: etwas in veränderter Form erneut hören. Erkennen bedeutet bis zu einem gewissen Grad immer auch: wiedererkennen, sich in dem was ein anderer berichtet, spiegeln. Das Selbsterlebte mach feinfühliger. Das Fremde wird uns zugänglicher, weil es Eigenes berührt.
Vorurteile, Stereotype, Klischees, ein allzu großes Vorwissen, der Stolz auf die eigenen Kompetenzen und Kenntnisse, die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Egozentrik – all dies kann die Wahrnehmung einengen und blockieren, das Mitgefühl für andere Menschen und die Wesen auf der Erde mindern. „Wenn Euer Geist leer ist“, so heißt es in einem der Zen-Vorträge von Suzuki, „ist er stets für alles bereit; er ist offen für alles.“ Es braucht eine Art der urteilsfreien Nichteinmischung, die eigene Gewissheiten verschwinden oder zumindest für den für den Moment verblassen lässt.
Wirkliches Zuhören ist gelebte Demokratie im Kleinen
Es braucht, um überhaupt ein Kommunikationsklima des Zuhörens zu schaffen, reziproke Großzügigkeit. Es braucht Räume, in denen sich das Zuhören entfalten kann; man muss einander Zeit und Aufmerksamkeit schenken, sonst kann nichts entstehen. Echolosigkeit verbittert. Ein intensives, fokussiertes Zuhören setzt das persönliche Gespräch voraus und ist seinem Wesen nach dialogisch. Es braucht einen geschützten Raum und einen speziellen Rahmen, der die zögernde, um Nuancen ringende Dechiffrierung von Positionen und die Öffnung der Wahrnehmung erlaubt.
Wirkliches Zuhören ist vielleicht nichts für die große Politik, nichts für die Arena der Talkshows und den Austausch von vorab einstudierten Fertigantworten, nichts für die Auseinandersetzung und aufeinander Eindreschen in sozialen Netzwerken. Wirkliches Zuhören ist gelebte Demokratie im Kleinen, Anerkennung und Akzeptanz von Verschiedenheit, Suche nach dem Verbindenden, Klärung des Trennenden, gemeinschaftliche Erfindung einer Welt, die überhaupt erst im Miteinander-Reden und Einander-Zuhören entsteht.
Zuhören
Die Kunst, sich der Welt zu öffnen
Bernhard Pörksen
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 330 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-446-28138-7, 24,00 Euro
Von Hans Klumbies
