Bernhard Pörksen rät: „Es gilt, sich der Erfahrung des Zuhörens und des Ringens um das Gehörtwerden in konkreten Situationen zuzuwenden, diese Situationen in allen Nuancen und Details zu studieren.“ Das bedeutet auch, dass man sich zwei Denkformen bewusst und mit Entschiedenheit verweigert, die in aktuellen Analysen des Kommunikationsgeschehens außerordentlich mächtig sind. Bernhard Pörksen nennt sie „Diskursalarmismus“ und „Diskursidealismus“. Gemeinsam ist beiden Denkformen, obwohl sie konträre, gegensätzliche Positionen markieren, die Distanz zum Konkreten – zugunsten einer allgemeinen Idee und der pauschalen These, die entweder den Untergang – Alarmismus – oder die Vision perfekter Zuhör-Welten – Idealismus – beschwört. Beide verfehlen in der Pauschalität ihres Urteils und in ihrer Orientierung am Prinzipiellen das Wirkliche. Sie blockieren die Auseinandersetzung mit einer feinkörnigen, widersprüchlich schillernden Realität mit ihren je eigenen Möglichkeiten und besonderen Hindernissen. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Fähigkeit zum Zuhören ist der Düster-Welt erloschen
Diskursalarmisten sind sich in einem sehr sicher, nämlich, dass die gesellschaftliche Kommunikation vor dem Kollaps stehe und die Öffentlichkeit in Trümmern liege. Bernhard Pörksen erklärt: „Nun haben, so heißt es, die Bullshiter, die PR-Spezialisten, Populisten und Trolle übernommen. Respekt und Rationalität versinken in einem postfaktischen Spektakel, regiert von Erregungsstichflammen, Verdummung, sinnloser, niemals endender Wut, die nur noch Erschöpfung erzeugt und keine Erkenntnis mehr ermöglicht.“
Was einmal Dialog war und Polis zu sein schien, wird bald nicht einmal eine Erinnerung gewesen sein, das scheint den Alarmisten im Feld der Diskursdiagnostik gewiss, die wahlweise die Digitalisierung, den Neoliberalismus oder raffinierte, schwer erkennbare Techniken der Macht beschwören, um die Ursachen den zerstörerischen Prozesse zu benennen. Bernhard Pörksen fügt hinzu: „Die Fähigkeit zum Zuhören ist in dieser Düster-Welt erloschen, auch das scheint sicher.“
Ideale sind nicht grundsätzlich kritikwürdig
„In der Zukunft wird es womöglich einen Beruf geben, der Zuhörer heißt“, prophezeit etwa der im apokalyptischen Denken geschulte Philosoph Byung-Chul Han, ein Meister der alarmistischen Thesenproduktion. Byung-Chul Han fügt hinzu: „Gegen Bezahlung schenkt man dem anderen Gehör. Man geht zum Zuhören, weil es sonst kaum jemand mehr gibt, der dem Anderen zuhört.“ Bernhard Pörksen stellt fest: „Protagonisten des Diskusidealismus definieren hingegen optimale Sprech- und Dialogsituationen, formulieren immer weitere Kriterien einer idealen Kommunikation.“
Diskursidealisten präsentieren immer neue Rezepte und Regeln – auf dem Weg der Umsetzung der formschönen Idee des Zuhör-Optimums, die sie für sich erkannt haben. Bernhard Pörksen ergänzt: „Es ist ein Idealismus der Doktrin und nicht des Prozesses, den sie propagieren. Dies ist eine wichtige Unterscheidung, weil doch Ideale nicht grundsätzlich kritikwürdig sind.“ Sie können vielmehr in der Reibung mit der Erfahrungswirklichkeit und als orientierendes Hintergrundbild Kräfte des Denkens und Handelns freisetzen. Quelle: „Zuhören“ von Bernhard Pörksen
Von Hans Klumbies
