Skandale entstehen durch fehlendes Zuhören im System einer Organisation

Skandale haben eine gemeinsame Ur-Ursache – fehlendes Zuhören im System einer Organisation. Bernhard Pörksen erklärt: „Immer gibt es Anzeichen, die übersehen werden, immer gibt es jemanden, der warnt oder dies zumindest versucht. Immer gibt es Menschen, die merken, das etwas nicht stimmt, oder aus einem Unbehagen heraus eine Intuition artikulieren, der es sich lohnen würde nachzugehen. Aber eben dies unterbleibt.“ Ein paar Beispiele: Die amerikanische Soldatin Chelsea Manning – früher Bradley Manning – sprach mit ihren Vorgesetzten, bevor sie vertrauliche Dokumente, die schwere Kriegsverbrechen der USA im Irak dokumentierten, an Wikileaks weitergab. Die NSA-Angestellten Thomas Drake und Edward Snowden und die Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen beschwerten sich zunächst intern, bevor sie zu Whistleblowern wurden und weltweit für Aufsehen sorgten. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

Bei einem Skandal werden interne Warnungen oft nicht beachtet

Auch im Falle der Betrugs-Software bei VW, die zur Manipulation von Abgaswerten eingesetzt wurde, gab es interne Warnungen, die jedoch nicht durchdangen. Die Mordserie der Neonazi-Terrorgruppe, die sich als „Nationalsozialistischer Untergrund“ bezeichnete, wäre vermutlich früher entdeckt worden, hätte man auf den bayerischen Innenminister Günther Beckstein gehört. Bernhard Pörksen erläutert: „Er hatte das Muster im Jahre 2000 erkannt, bevor es dann 2011 sichtbar wurde und man die beiden zentralen Täter, die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, tot in einem ausgebrannten Wohnwagen fand.“

Günther Beckstein schrieb einen Vermerk für seine Beamten. Ob denn ein ausländerfeindlicher Hintergrund der Tat denkbar sei, wollte er wissen; später ließe er auch nach einem untergetauchten Neonazi fahnden. Bernhard Pörksen stellt fest: „All dies waren Intuitionen, erspürte oder doch kommunizierte Wahrheiten, die versandeten. Kurzum: Oft dauert es – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen – in der Latenzzeit eines Skandals lange, unendlich lange, bis die Ignoranz endet, bis Menschen beginnen, neu und anders hinzuhören, die schmerzhafte, beschämende Wirklichkeit zumindest in groben Zügen anzuerkennen und an sich heranzulassen.

Niemand erkannte das Missbrauchsgeschehen an der Odenwaldschule

So war es auch im Fall des Missbrauchsgeschehen an der Odenwaldschule. Hier sind, wie zu zeigen sein wird, Anstöße und Anläufe gleich in Serie nötig, und zwar über mehr als ein Jahrzehnt hinweg. Es ist eine Art Langstrecken- und Hindernislauf, den es hier braucht, aufreibend und voller Unwägbarkeiten. Bernhard Pörksen weiß: „Im November 1997 schreibt Andreas Huckele einen Brief an seinen Peiniger Gerold Becker, aufgebracht und empört, weil Becker unerwartet bei einem Altschülertreffen in der Odenwaldschule aufgetaucht war.“

„Die Scham Deiner Opfer“, so heißt es in diesem Brief, „ist Dein bester Verbündeter, um unerkannt zu bleiben“. Er setzt mit weiteren Schreiben nach. Die Antworten, die er von Gerold Becker erhält, sind diffus. Seine Entschuldigung klingt ausweichend, offenkundig getrieben von dem Wunsch, keine Angriffsfläche zu bieten. Der Täter ist auf diese Weise nicht zu fassen, das wird Andreas Huckele bald klar. Und so schickt er, gemeinsam mit seinem einstigen Mitschüler und Freund Thorsten Wiest, diverse Schreiben an den damaligen Schulleiter Wolfgang Harder, weil beide erfahren haben, dass Gerold Becker wieder vertretungsweise in Ober-Hambach unterrichten soll. Quelle: „Zuhören“ von Bernhard Pörksen

Von Hans Klumbies