Bernhard Pörksen schreibt: „In der gegenwärtigen Situation, vor dem Horizont ineinander verschlungener Krisen, einer allgemeinen Polarisierungsfurcht und der neuen Macht von Populisten und Ideologen, gewinnt eine Frage an Brisanz, die eine Philosophie des Zuhörens umtreiben muss. Sie lautet: Wem überhaupt zuhören?“ Nur „den Richtigen“ oder auch „den Falschen“? Gilt es beispielsweise vor dem Hintergrund der Wahlerfolge populistischer Parteien, Rechtsextremen Gehör zu schenken? Tut man dies, um sie zu verstehen, weil man zumindest ein partielles Einverständnis für möglich hält? Oder geschieht dies, um die Gesinnung der Parteigänger unvoreingenommen zu begreifen, um sie gut begründet und kenntnisreich zu verurteilen und maximal effektiv zu bekämpfen? Was ist das Ziel: das verständnissinnige, von Sympathie geprägte Verstehen oder die klare Verurteilung? Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
Bernhard Pörksen unterscheidet beim Zuhören drei Ebenen
Noch einmal: Wem muss man unter allen Umständen, wem darf man auf keinem Fall Gehör schenken, zumal öffentlich? Die Suche nach einer Antwort verlangt die Klärungs- und Sortierarbeit. Bernhard Pörksen erklärt: „Zu unterscheiden sind drei Ebenen der Analyse und Betrachtung. Auf all diesen Ebenen werden Fragen zum Thema, die im weitesten Sinne von der Ethik und Moral des Zuhörens handeln – und von den Entscheidungen, die es konkret und praktisch in unterschiedlichen Situationen und Konstellationen zu treffen gilt.“
Auf der ersten Ebene geht es um Fragen, die strategischer Natur sind. Bernhard Pörksen erläutert: „Wer einem anderen zuhört, signalisiert, zumindest solange er ihn nicht unterbricht und offen widerspricht oder auf andere Weise sein Missfallen kundtut, dass die Position, die da ausgebreitet wird, sinnvoll ist, prinzipiell akzeptabel, potentiell erkenntnisträchtig und in irgendeiner Weise interessant.“ Einem Menschen zuzuhören bedeutet, den Standpunkt des anderen, zumindest dem äußeren Anschein nach, ernst zu nehmen und auf die Präsentation von Gegenargumenten zu verzichten.
Die Wirkung des eigenen Zuhörens ist manchmal unklar
Das dauert eben bis zum Moment einer klärenden Intervention, die diese implizierte Würdigung und diffuse Sympathiekundgabe mehr oder weniger deutlich widerruft und mögliche Differenzen offenlegt. Bernhard Pörksen ergänzt: „Erschwert wird die Einschätzung, wie das eigene Zuhören wirkt, auch dadurch, dass sich diese so stille, eigentlich so unauffällige Form der Kommunikation im öffentlichen Raum als offene oder verdeckte Parteinahme deuten lässt.“
Diese wird mal zu Recht, mal zu Unrecht in dieser Weise interpretiert und attackiert. Bernhard Pörksen fügt hinzu: „Oft wird bereits der zaghafte Versuch des Verstehens als Einverständnis und Sympathiekundgabe oder des mindestens als eine unnötige mediale Aufwertung skandalisiert. Und manchmal ist man selbst nicht klar und geklärt genug.“ Hört zu intensiv beziehungsweise auf die falsche Weise zu. Und dringt nicht zur notwendigen Verurteilung durch. Quelle: „Zuhören“ von Bernhard Pörksen
Von Hans Klumbies
