Eine Stadtmauer zeichnet die Städte im Mittelalter aus

Das Siegelbild vieler europäischer Städte des Mittelalters hebt die Stadtmauer hervor. Tatsächlich machte die Mauer eine Stadt aus. Bernd Roeck ergänzt: „Neben Markt und Gericht war sie ihr entscheidendes Merkmal. Ummauerte Dörfer gab es auch, doch waren sie selten.“ Weder die Poleis des klassischen Griechenlands noch die Städte Asiens kannten eine vergleichbar strikte Scheidung zwischen Stadt und Land, und auch in der islamischen Welt zog allein das Steuerrecht Trennlinien. Den prägnantesten Unterschied markiert die griffige Formel „Stadtluft macht frei“. Sie entstammt zwar späteren Zeiten, ist aber nicht ohne Berechtigung, obwohl es auch in der Stadt mannigfaltige Abhängigkeiten gab – zum Beispiel von einem Kloster, dem Zins zu entrichten war. Bernd Roeck ist seit 1999 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance.

Die Freiheit in den Städten lockte die Menschen an

Aber in der Tat ließ sich die Bindung an den Grundherren abstreifen, wenn es gelang, sich auf „Jahr und Tag“ innerhalb eines Mauerrings niederzulassen, ohne dass Einspruch erhoben wäre. Streit zwischen Städten und Grundherren um entlaufene Hörige begleitet denn auch die Geschichte städtischer Gesellschaften für lange Zeit. Kaiser Friedrich II. zum Beispiel sah sich veranlasst, den deutschen Fürsten 1232 ein Privileg zu bestätigen, das den Städten unter anderem verbot, Unfreie aufzunehmen.

Außerdem durften die Städte außerhalb ihrer Mauern keine Bürger dulden, und auch ihre Gerichtsbarkeit sollte auf ihr unmittelbares Gebiet beschränkt bleiben. Schon der Name des 1120 gegründeten badischen Freiburg erinnert daran, dass es eben die Freiheit war, die besonders verlockend wirkte. Zwar hatten die Zuwanderer den Grafen von Zähringen für ihre Grundstücke einen Jahreszins zu entrichten, doch blieben sie persönlich frei. Am Anfang aller Stadtfreiheit mag wie im Freiburger Fall gestanden haben, dass die Warmzeit nach Arbeitskraft und Siedlern verlangte.

Die Städte garantierten ihren Bürgern Rechtssicherheit

Neuankömmlinge in den mittelalterlichen Städten konnten Spielräume erhandeln und Rechtssicherheit gewinnen. Bernd Roeck ergänzt: „Stadtfreiheit bedeutete, dass sich Räte, Zünfte, Kaufleutegilden und Bruderschaften bilden konnten. Solche Kooperationen boten Schutz, Hilfe oder Seelenheil.“ Ob sie in römischen Kollegien wurzelten oder sich entsprechend Bedürfnissen des Tages spontan zusammenfanden, ist übrigens unklar. Klar ist allerdings, dass ihr Aufkommen eine stille Revolution war.

Diese neuen Verbindungen schufen „Innenräume“ für Diskussionen und integrierten Leute unterschiedlicher Herkunft, schlossen sich nach außen ab, gaben sich Regeln, gewannen oft politische Macht. Gemeinsam wurde gearbeitet und gezecht, gebetet und bestattet. Stadtrechte im Ostseeraum waren um den Schutz der Kaufleute, der „Gäste“ bemüht; sie durften sich in Kolonien ansiedeln. Jenseits der Burgstädte entstanden so Gemeinden eigenen Rechts. „Stadt“ bedeutete „Freiheit der Bürger, Immunität der Einwohner“, konnte Johannes von Viterbo um 1250 resümieren. Quelle: „Der Morgen der Welt“ von Bernd Roeck

Von Hans Klumbies

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